An Bruno Kreisky (Herschkowitz)

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An Bruno Kreisky
автор Филип Моисеевич Гершкович (1906—1989)
См. «О Музыке», книга 4. Источник: Philip Herschkowitz. über Musik. viertes Buch, Moskau, Wien, 1997, cc. 164-167.


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An Bruno Kreisky

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

wenn auch dieser an Sie gerichtete Brief absurd ist, so widerspiegelt eben seine Absurdität meine Lage, die letzten Endes in mir den Drang wachrufen mußte, Ihnen Kunde zu geben, daß ich — ein sonderbares Äpfelchen, das vom Apfelbaum "Österreich" sehr weit gefallen ist, — existiere.

Ich bin nie österreichischer Staatsbürger gewesen. Ich bin rumänischer Jude, weder in der Bukowina noch in Bessarabien, sondern in der altrumänischen Stadt Jassy geboren. Nach Absolvierung des Jassyer Konservatoriums im Jahre 1927 ging ich als Zwanzigjäriger nach Wien. Meine Lehrer waren hier Alban Berg (1928-1930) und Anton Webern (Februar 1934 — September 1939)[1]. In den letzten sechs der zwölf Jahre, die ich in Wien verbracht habe, habe ich meinen Lebensunterhalt als Korrektor des Verlags "Universal Edition" verdient, und als solcher hauptsächlich an der Herausgabe der Werke Alban Bergs gearbeitet. Die Besetzung Österreichs im Jahre 1938 versetzte mich in eine Lage, die auf eine ganz besondere Weise außerordentlich schwer war. Die eigentümliche Konzeption, die die damalige rumänische Regierung von der Staatsbürgerschaft der in Wien wohnhaften rumänischen Juden hatte (es handelte sich um ungefähr 50.000 Bukowiner "Optanten"), brachte es mit sich, daß ich nur dann nach Rumänien hätte zurückkehren dürfen, wenn ich im Besitze einer diesbezüglichen individuellen Erlaubnis des Bukarester Außenamtes gewesen wäre. Andererseits konnte man bei keinem Konsulat in Wien ein Einreisevisum bekommen, wenn im (rumänischen) Paß der Vermerk "Bon pour se rendre en Roumanie" nicht vorhanden war. Somit war für mich die Ausreise aus Österreich bis auf weiteres gesperrt. Erst eine Woche nach Kriegsbeginn, am 8. September 1939, ist für mich der Weg nach Rumänien frei geworden.

In Bukarest habe ich ein arbeitsloses Jahr verbracht unter Lebensbedingungen, die einen grellen Kontrast zu der mich umgebenden Üppigkeit bildeten. In der Hauptstadt des Landes, dessen Sprache meine Muttersprache ist, bin ich in diesem Jahr, das für Rumänien noch ein Vorkriegsjahr war, wie ein in die Landschaft überhaupt nicht hineinpassender Fremder betrachtet und behandelt worden. Als im September 1940 die Regierung Antonescu gebildet wurde, die das öffentliche Leben Rumäniens nach dem Muster des damaligen Deutschlands uniformieren sollte, mußte ich jede Hoffnung auf die Möglichkeit eines Bleibens aufgeben und mich zur Übersiedlung nach Czernowitz entschließen. Dann stellte es sich heraus, daß es von dieser ehemaligen österreichischen und rumänischen Stadt bis Taschkent in Asien, wo ich die Kriegsjahre verbracht habe, ein Katzensprung war. Diese ungeahnte Nähe Taschkents zu Czernowitz realisierte sich in meinem Bewußtsein auf Kosten Wiens: die Hauptstadt Österreichs, die mit ihren vielen Winkeln in meinem Gedächtnis verankert ist, verlor für mich ihre irdische Gegenständlichkeit. Sie verwandelte sich in einen Himmelskörper, auf welchem ich einst genauso gewesen bin, wie — viele Jahre später — andere Menschen auf dem Mond gewesen sind.

Die letzten 35 von den fast 40 Jahren, die vergangen sind, seitdem ich sowjetischen Boden betreten habe, habe ich in Moskau verbracht. Erst vor ungefähr 23 Jahren konnte ich hier endlich zu mir kommen. Anfangs ist es für mich nicht mehr als ein Hobby gewesen, als ich in der sowjetischen Hauptstadt der sechziger Jahre vielen Musikern verschiedener Schattierungen und verschiedenen Niveaus die Grundlagen der Harmonielehre Schönbergs und die Formlehre Weberns so nebenbei darzulegen begann. Sehr bald aber wurde das Hobby zur Profession. In diesen zwei Jahrzehnten habe ich nicht nur Studenten, sondern auch Lehrkräften des Konservatoriums und anderer Musiklehranstalten, Komponisten, Musikwissenschaftlern und ausübenden Musikern von hoher Qualifikation Privatunterricht erteilt. Auf diese Weise habe ich mir nicht nur die Existenzmittel, sondern auch die Möglichkeit verschafft, Weberns Lehre zu verbreiten und ihrer weiteren Entwicklung den Weg zu bahnen.

Als ich Anfang September 1939 nach einer (unentgeltlichen) Lehrzeit, die fünfeinhalb Jahre gewährt hatte, zu Webern kam, um mich zu verabschieden, sagte er mir (es war in seinem kleinen Garten): "Gehen wir ins Haus, ich will Ihnen noch rasch erklären, worin der Wesensunterschied zwischen einer Mozart-Oper und einer Wagner-Oper liegt". Webern hat — höchstwahrscheinlich bewußt — den Abschied mit mir als Übergangspunkt zur Fortsetzung meines Lernens unter den künftigen Bedingungen der Abwesenheit des Lehrers gestaltet. Zu einer solchen Fortsetzung ist eben meine private Lehrtätigkeit in Moskau geworden: lehrend lernte ich. Und auf diese Weise habe ich den Kontakt mit dem bescheidenen und sehr reinen Häuschen in Maria Enzersdorf, im Auholz 8, unversehrt erhalten. Und auch mit mir selbst.

Der seinen Lehrer vergötternde Schüler ist eine ziemlich häufige Erscheinung, wobei der Vergötterte nicht selten sich mit der Zeit als ein von Mittelmäßigkeit gezeichneter Künstler oder Wissenschaftler entpuppt. Weder aber ist Webern mittelmäßig, noch vergöttere ich ihn. Ich bin ihm nur unendlich dankbar. Dafür, daß er mir verholfen hat, einer von denjenigen zu werden, auf welche sich Beethovens Spruch bezieht: "Wem meine Musik sich verständlich macht, der muß frei werden von all dem Elend, womit sich die anderen schleppen". [Für unsere stimmungsvolle Epoche wäre: "... der kann (all das Elend, wo¬mit sich die anderen schleppen) neutralisieren", passender gewesen.]

"Diese Musik" ist mir nicht nur "verständlich"; sie ist — dank Webern — zum Inhalt meines Lebens geworden. Er hat die Gesetze der Formlehre gefunden, auf deren Grund eine jede (vor- und nachbeet-hovensche) Musik von der Beethovenschen Form her zu betrachten (und also auch zu werten) ist; ich, ohne der Bescheidenheit Gewalt anzutun, vertiefe den von ihm ausgegrabenen Brunnen.

Es ist mir nicht möglich gewesen, kürzer darzulegen, daß ich eine unleugbare Beziehung zu Österreich und zur österreichischen Kultur habe. Der Hinweis darauf gibt mir kein Recht, mich an Sie, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, mit der Bitte um Hilfe zu wenden, kann aber eine solche Bitte gewissermaßen verständlich machen und entschuldigen. Dieser Brief ist schon deswegen absurd, weil er ein interplanetarer Brief ist. Da ich mich aber in einer Lage befinde, aus der mir höchstwahrscheinlich nur ein Wunder heraushelfen kann, habe ich mich dennoch entschlossen, Ihnen zu schreiben: Ich glaube, daß ein Wunder ein positives Absurdum ist, d. h. ein Absurdum, das die Fähigkeit besitzt, in sein Gegenteil umzuschlagen.

Vor zwei Jahren, am 2. Juli 1979, habe ich um meine Ausreise — natürlich nach Israel — angesucht. Seit damals warte ich. Die Länge meiner Wartezeit prognosiert eine abschlägige Antwort, die auch ohne triftigen Grund gegeben werden kann.

Wieder bin ich (zum zweitenmal nach 1938) ein besonderer Fall. Diesmal allerdings im positiven Sinne: Ich bin nicht in der Sowjetunion gebürtig; ich habe dieses Land aufgesucht — anders habe ich es mir nicht vorgestellt — um nach Kriegsende wieder nach Europa zurückzukehren. Niemand aber zieht hier solche Tatsachen in Betracht. Auf sie muß — und zwar von einer Seite her, die zu Aufmerksamkeit zwingt — aufmerksam gemacht werden.

Dieser Brief wird unter dem Antrieb eines objektiven Faktums geschrieben: Einige Leute haben erst ausreisen können, nachdem die vorhandenen Hindernisse vom Westen aus beiseite geschoben wurden. Ich weiß nicht, inwiefern ich auf eine Hilfe solcher Art hoffen darf. Es ist aber kaum vorstellbar, daß mir etwas anderes helfen kann, mein Ziel zu erreichen. In dieser Überzeugung habe ich den Mut gefunden, mich an Sie zu wenden.

Ich, Filip Herzcovici, 1906 geboren, für den die Musik eine res severa ist, Wien mehr als eine Heimat geworden und das Leben nicht immer ein verum gaudium gewesen war, bitte Sie, sehr verehrter Herr Bundeskanzler, meinen hochachtungsvollen Gruß entgegenzunehmen.

Der Brief wurde 1981 geschrieben.

Примечания

  1. Da das Unterrichtsverhältnis zu Berg sich allmählich löste, ist es schwer, den Zeitpunkt der Beendung zu bestimmen. Die Briefe an Berg zeigen, daß Herschkowitz sich bis Ende 1931 noch offiziell als sein Schüler betrachtete und offenbar erst im Februar 1935 Weberns Schüler wurde.