An Heinrich Böll (Herschkowitz)

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An Heinrich Böll
автор Филип Моисеевич Гершкович (1906—1989)
См. «О Музыке», книга 4. Источник: Philip Herschkowitz. über Musik. viertes Buch, Moskau, Wien, 1997, cc. 160-163.


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An Heinrich Böll

Sehr geehrter Herr Böll,

Ihr Brief hat mich, an sich, sehr gefreut; sein Inhalt aber hat mich sehr betrübt. Nicht weil Ihre Bemühungen erfolglos waren, sondern weil sie — aus meiner Schuld — stattgefunden haben.

Viel später ist es mir bewußt geworden, daß dem Brief, den ich Ihnen vor einigen Jahren geschrieben habe, eine Bedeutung zukommt, die mit der in seinem Inhalt formulierten Bitte eigentlich nichts gemein hat.

Er ist einfach ein Anfang gewesen. Viel wichtiger war es mich in Bewegung zu setzen, als die Richtung dieser Bewegung, die mich zur Realisierung meines vierzigjährigen Wunsches führen sollte, im vorhinein zu kennen. Der Brief an Sie, der eigentlich als naive Zudringlichkeit zu werten ist — ich sollte Sie um Verzeihung bitten — hat mich befähigt zweckmäßigere Schritte nachher zu unternehmen. Vor 15 Monaten habe ich das Ausreisegesuch eingereicht. Jetzt — warte ich. Unterdessen hat der Zukunftsnebel einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner Undurchdringlichkeit eingebüßt. Tatsächlich haben mir Schüler geholfen.

Ich schreibe Ihnen jetzt, sehr geehrter Herr Böll, nicht nur um Ihnen herzlich für Ihren Brief zu danken, sondern auch um ein Mißverständnis zu beseitigen. Ich habe den Eindruck, daß Sie meinen Neujahrswunsch und, um so mehr, den Sammelband der Dorpater "Semiotika", den ich Ihnen vor zwei Monaten abgesendet habe, als einen Versuch empfunden haben, — daher meine Betrübnis, — Sie an die (recht verschwommene) Bitte, die ich seinerzeit an Sie gerichtet habe, zu erinnern. Ich hoffe, daß der bisherige Inhalt dieses Briefes Ihnen den richtigen Sachverhalt klar machen muß. Es tut mir sehr leid, daß Verhältnisse, die von uns beiden unabhängig sind, uns nötigen sehr vieles, fast alles, nicht anders als durch einen Zerrspiegel filtriert wahrzunehmen. Ich habe Ihnen den Band geschickt, der einen Aufsatz von mir enthält, ausschließlich um Ihnen, so gut ich konnte, meine Sympathie und Dankbarkeit auszudrücken.

Die Nachtstunden bei Kostja[1], als ich Sie kennen lernte, haben für mich eine sehr große Bedeutung gehabt. Mir, der eine unbegrenzte Verehrung Schopenhauer und Albert Schweitzer gegenüber empfindet [die Freude, die die Gedanken Schopenhauers vermitteln können, ist mir zugänglich; die von Schweitzer gehegte Ehrfurcht dem Lebendigen gegenüber (dem Lebendigen überhaupt) ist der eigentliche Inhalt meiner Religion], haben Sie, Herr Böll, verholfen den Einklang mit mir selbst zu erreichen. Sie haben den automatischen Haß, mit dem ich, innerlich gelassen, mich jahrelang herumschleppte, ausgelöscht. Als ich Ihnen gesagt habe: "Ihnen werde ich glauben"[2], — wobei ich nicht überzeugt bin, daß ich aufrichtig war, — habe ich nicht ahnen können, daß Ihre Antwort ein kostbarer Gedankenrohstoff für mich sein wird. Aus den Trauben dieser Ihrer Antwort habe ich mir folgenden Wein gekeltert.

Ein Volk kann nicht ein unabhängig Gegebenes sein. Es ist immer eine Instanz der Menschheit. Wenn ein Volk Unmenschliches begangen hat, da hat es eben das begangen, was dem Menschen ureigen ist. Der Mensch ist unmenschlich!!! Die Menschheit und die Menschlichkeit sind zueinander unbezichbar! Der gute Mensch ist eine "bedingte", nicht eine "unbedingte" Realität. Um so mehr das "böse Volk". Es handelt als Mandatar der (unmenschlichen) Menschheit. Genau so wie der "gute Mensch", der da ist, um eine — ihm völlig unbewußte — Tarnungsfunktion auszuüben.

Diese tief in mir verankerte Einsicht, die ich Ihnen zu verdanken habe, hat meine Beziehung zu mir selbst von einer großen Bürde befreit. Das deutsche Volk ist das Gefäß der deutschen Musik. Und ich bin kein Musiker schlechthin, sondern — sonderbarer und komischer¬weise — ein deutscher Musiker. Ich, — der in Jassy geboren, im Judenviertel, in der Kindheit nicht geahnt habe, daß es auf der Erde auch andere Menschen außer Juden und Rumänen gibt.

Ein deutscher Musiker... Das ist ein Begriff, der in allzu engen Worten eingekleidet ist. Ein deutscher Musiker ist derjenige, der das Wesen der deutschen Musik ergründet hat. Sie ist — soweit es sich um ihre großen Meister handelt — mit keiner ändern Musik vereinbar. Sie ist nicht die Kunst der Töne. Sie ist die Kunst des gegliederten Schweigens, welches sich durch Töne (auch durch sehr laute Töne) offenbart.

Einmal, nach der Unterrichtsstunde, als ich und Webern vor dem Abschied schon aufgestanden waren, sagte er, zugleich intensiv und abwesend mich anschauend: "Es gibt eine deutsche Musik, wie es eine griechische Bildhauerei gegeben hat". Nun, Herr Böll, wenn wir die "Deutsche Musik" mit einem Päckchen Schokolade vergleichen würden, ergäbe sich folgendes Verhältnis: für diejenigen, die wie ich fünf Jahre im engen Kontakt mit Webern gewesen sind, ist dieses Päckchen Schokolade ein Päckchen Schokolade; die anderen aber — auch wenn sie Musiker sind, und zwar solche, welche mit Bach, Mozart, Beethoven, Wagner sich eng verbunden dünken — glauben die Schokolade gegessen zu haben, wenn sie deren Packung kauen und herunterschlucken. Ich weiß sehr wohl, daß ich unbescheiden bin. Aber wie könnte ich ohne Unbescheidenheit Webern und also die deutsche Musik preisen? Und Ihnen — danken?.. Ich darf unbescheiden sein. Meine Unbescheidenheit ist das einzige was ich in meinem Leben verdient habe. Und zwar redlich verdient.

Ich bitte Sie Frau Böll, deren geistreiche Wortlosigkeit noch immer (nach sovielen Jahren) in meiner Erinnerung klingt, meinen respektvollen Gruß zu übergeben. Ihnen sage ich vom ganzen Herzen ein jidisches "Seid’s gesund".

Ihr Herschkowitz

Der Brief wurde zu Beginn des Jahres 1981 geschrieben. Die Korrespon¬denz zwischen Böll und Herschkowitz erstreckte sich über einige Jahre.

Auf den Blättern des Briefentwurfes sind außerdem die beiden folgenden Absätze notiert:

Wenn man die Fähigkeit hat, eine gotische Skulptur sich.so an-zuschauen, wie ich die Fähigkeit habe eine Beethovensche Sonate wahrzunehmen (d. h. auch die gotische Skulptur nur und eben "wahrzunehmen"!), da versteht man, daß die Zeit, in der diese Skulptur gemacht wurde, die Zeit war, in der Gott war!.. (Nicht die Zeit, in welcher man an Gott glaubte; sondern eben: in der Gott war!..)

Und in einem solchen Zusammenhang kann man wahmehmen und sagen: Der Kommunismus ist eine rülpsende Gotik... [рыгающая готика]

und:

Weil das "wie" sich als das eigentliche "was" herausstellt. Diese Offenbarung bringt die Kunst. Sie kann diese bringen in den ihr allein möglichen Bedingungen der Nutzlosigkeit. Dadurch schaltet sie die Kluft zwischen Wissen und Glauben aus. Und auf diese Weise kann der Mensch jene Distanz zu sich selbst schaffen, welche unvergleichlich mehr als die "Ethik", — das Feigenblatt seiner Seele, — ihm ermöglicht, wenn er sich achtet, sich auszuschalten.

Ein wenig, etwas mehr, noch ein wenig...

Примечания

  1. Konstantin Bogatyrjëv (Prag 1925 — Moskau 1986) war ein bedeutender Übersetzer deutscher Lyrik, insbesondere von Rilke. Sein Vater war der bekannte Folklorist und Literaturwissenschaftler Petr Bogatyrjëv, ein Mitbegründer des Moskauer und des Prager linguistischen Zirkels. Konstantin Bogatyrjëv war mit Herschkowitz und mit Heinrich Böll befreundet. Am 26. April 1976 wurde er im Treppenhaus vor seiner Wohnung ermordet.
  2. Nach Zeugenberichten wollte Herschkowitz Böll die Frage stellen, ob das deutsche Volk über Konzentrationslager und das Ausmaß der von den Nazis begangenen Verbrechen Bescheid wußte. Nach langer Überlegung, wie diese Frage zu formulieren sei, habe er sie Böll schließlich so gestellt: "Ihnen werde ich glauben. Wußte das deutsche Volk?", worauf dieser geantwortet habe: "Nein."