Die Form des letzten Satzes der Eroica (Herschkowitz)

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Die Form des letzten Satzes der Eroica
автор Филип Моисеевич Гершкович (1906—1989)
См. «О Музыке», книга 4. Источник: Philip Herschkowitz. über Musik. viertes Buch, Moskau, Wien, 1997, cc. 112-113. • По-русски см. статью Формальные и гармонические инверсии в финале 3. симфонии Бетховена...
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Die Form des letzten Satzes der Eroica

Eine unbedeutende Vereinfachung vornehmend, könnte man sagen, daß dieser Satz aus Variationen besteht, deren Folge von zwei Fugati unterbrochen wird. Es liegt auf der Hand, daß sowohl die Variationen als auch die Fugati hier in Bezug auf die Form Funktionen erfüllen, die gewöhnlich weder von Variationen noch von Fugati erfüllt werden. Dementsprechend wird es uns kaum verwundern, wenn wir feststellen werden, daß die in Frage kommende Form eine oder mehrere Abweichungen von ihrem normalen Hergang aufweist[1]. Tatsächlich bildet der vierte Satz der dritten Symphonie Beethovens eine Sonatenform mit "Spiegelreprise", d. h. eine Sonatenform, die von der Norm dadurch abweicht, daß die Ordnung ihres Haupt- und Nebensatzes in der Reprise eine im Verhältnis zur Exposition umgekehrte ist.

Einer der wichtigsten Schritte, die zur Erkenntnis der Form dieses Satzes geführt haben, war die Feststellung des Bestandes seines Hauptthemas. Die Annahme, daß dieses mit dem Thema der Variationen identisch ist, hätte die Analyse von Anfang an in eine Sackgasse geführt. Das Variationenthema ist nur einer der Bestandteile des Hauptthemas (Hauptsatzes), dessen Bereich sich auf den ganzen Raum ausdehnt, der von der Grundtonart beherrscht ist. Somit hat man das Variationenthema zusammen mit den drei Variationen, die dem ersten Fugato vorangehen, als Hauptthema anzuschauen.

Variationen zu einem Thema, die auf einer zweiten, höheren Ebene an der Ausübung der Themafunktion selbst teilnehmen, müssen selbstverständlich die Widerspiegelungen ihres paradoxalen Wesens in der Struktur des ganzen Satzes erfahren, dem sie unbedingt die eigene Zweifältigkeit aufdrängen. Ebenso selbstverständlich ist aber andererseits, daß nicht ein jedes Variationenthema sich mit einer beliebigen Zahl seiner Variationen vereinen läßt, um mit diesen zusammen ein Hauptthema höherer Ordnung zu bilden. Im Falle des 4. Satzes der "Eroica" wird die Notwendigkeit dieser höheren Ordnung durch eine Besonderheit heraufbeschworen, die, dem als Variationenthema auftretenden dreiteiligen Lied anhaftend, dasselbe unfähig macht, die Funktion des Sonatenhauptthemas selbstständig auszuüben.

Daß es sich hier um ein dreiteiliges Lied handelt, ist an dessen zweitem Teil zu erkennen.

Der auf der Dominante ruhende Zweitakter und seine (leicht variierte) Wiederholung bilden eine Gestalt, die charakteristisch für den Bestand eines "zweiten Teils" ist.

Auf die Feststellung des zweiten Teiles sich stützend, kann man auch die Funktion der letzten vier Takte des dreiteiligen Liedes feststellen.

Nun bliebe noch festzustellen, ob der erste Teil wirklich als Periode auftritt, und ob deren Nachsatz wirklich mit dem dritten Teil identisch ist. Das Gebilde, welches dem zweiten Teil vorangeht, liefert durch das Verhältnis seiner Taktzahl mit den Taktzahlen der anderen zwei Teile (8 - 4 - 4) einen letzten Beweis dafür, daß es sich hier um ein dreiteiliges Lied handelt, dessen ersten Teil, folglich, eben diese acht anfänglichen Takte ausmachen.

Das Fragment ist die in den 70er Jahren in Moskau begonnene deutsche Version einer längeren Abhandlung über Beethovens dritte Symphonie. Die umfassendste Textvariante über den letzten Satz der Symphonie wurde auf russisch geschrieben und ist publiziert in: I, 146-159: Формальные и гармонические инверсии в финале 3. симфонии Бетховена, рассматриваемые в отношении с общим процессом развития и сущностью музыкальной структуры [Formale und harmonische Inversionen im Finale der 3. Symphonie Beethovens, untersucht im Zusammenhang mit dem allgemeinen Entwicklungsprozeß und dem Wesen der musikalischen Struktur], Dieser Aufsatz beeinhaltet die Strukturanalyse des ganzen Satzes, während das hier abgedruckte deutsche Fragment sich im wesentlichen auf die Bestandsaufnahme des Variationenthemas als dreiteiliges Lied beschränkt (zur Typologie von Hauptthemen in der Lehre Schönbergs und Weberns vgl. auch: Erwin Ratz: Einführung in die musikalische Formlehre, Wien 1973).

Eine analytische Notiz zum ersten Satz der dritten Symphonie von Beethoven ist ebenfalls publiziert:

Бетховен — 3. Симфония, первая часть [Beethoven — 3. Symphonie, erster Satz] (II, 239-245).

Примечания

  1. Variante des Anfangs: Die Zulassung einer wenig bedeutenden Vereinfachung dessen, was in diesem Satz vorgeht, ermöglicht die Behauptung, daß er aus Variationen besteht, deren Folge von zwei Fugati unterbrochen wird. Eine gründliche Untersuchung des Satzes ergibt die Feststellung, daß einerseits die Fugati in einem gewissen Sinne ebenfalls als Variationen zu betrachten sind, während andrerseits die "konkreten" Variationen (und nicht nur sie allein, sondern auch diejenigen, die als Fugati getarnt erscheinen) bestimmte Funktionen im Rahmen einer "Super"-Form erfüllen, in welche sie eingegliedert sind.