Briefe an Alban Berg (Herschkowitz)

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Briefe an Alban Berg
автор Филип Моисеевич Гершкович (1906—1989)
См. «О Музыке», книга 4. Источник: Филип Гершкович. О МУЗЫКЕ. IV том, Москва, 1993, cc. 31-62
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Briefe an Alban Berg


I

Geehrter Herr (Professor)

Seit zwei Monate bin ich von Ihnen entfernet und nocheinmal soviel Zeit wird vergehen bis ich Ihnen Wiedersehen werde. Jetzt bin ich in einem Kurort in Rumänien. Hier habe ich keine Arbeitsmöglichkeiten: ich habe keine Klavier und auch keine Stimmung für die Arbeit. Ich werde hier aber keine lange Zeit bleiben und bis in zwei Wochen werde ich meine Beschäftigungen wiedernehmen.

< ... >[1][2].

Ich erwarte von meinen Beziehungen mit Ihnen sehr viel. Ich habe in die sechs Stunden was ich von Ihnen bekommen habe, mehr erfahren wie in die zwei verlorene Jahre an der Akademie. Ich spüre dass Sie werden in meinem Leben eine entscheidende Rolle spielen. Augenblicklich arbeite ich nicht; aber ich dencke sehr zur Arbeit; und zu Ihnen.

Ich grüsse Ihnen herzlich
Filip Herşcovici

1 August 1929, Sălimăneşti



II

Sehr geehrter Herr Professor,

Ich habe Känntnis von Ihren Antwort an meinen Brief nehmen können erst die vorige Woche, weil vier Monate bin ich nicht zu Hause gewesen: ich war Militärpflichtig und am Anfang glaubte ich dass es wird leicht sein Alles in kurzer Zeit in Ordnung zu bringen und ich soll also gleich nach Wien fahren können. (Ich habe Ihnen geschrieben dass anfang Oktober werde ich in Wien sein) Diese Angelegenheit hat aber vier Monate gedauert und jetzt kann ich Ihnen zur Kenntnis bringen dass bis zur Ende der Ferien werde ich in Wien sein; aber nach wieviel Sorgen und Mühe! Und auch Ärger: vier Monate bin ich nich zu Hause gewesen und so viel Zeit habe ich nich arbeiten können.

. . Ihre Paar Worte haben mir sehr grosse Freude gemacht; dass ist leicht verständlich. Und ich bin sehr ungeduldig Ihnen zu Wiedersehen. — Filip Herşcovici

27 December 1929



Unter dem Brief ist von Bergs Hand die Adresse hinzugefügt:

Luza Vodă 39
Jaşi Jasi
Rumänien



III

5/III/1930
Verehrter Herr Berg,

Es tut mir sehr leid, dass ich keine Gelegenheit Ihnen für die Probe zu danken und mich von Ihnen zu verabschieden hatte, da, als ich den Saal für kurze Zeit verliess, zurückgekehrt merkte, dass die Probe zu ende und der Saal bereits leer war.

Ich entschuldige mich auf diesem Wege
(und es zeichnet mit Hochachtung)
Filip Herşcovici



Es dürfte sich um eine Probe für die Wiener “Wozzeck”-Premiere unter Clemens Krauss gehandelt haben. Nach dieser Premiere, die am 30. März 1930 stattfand, gab der Kieferchirurg Dr. Panzer einen großen Empfang in seiner Villa in Hietzing. Hierfür ließ er zahlreiche Einladungskarten mit der Bitte um Bestätigung der Zusage verschicken. Unter den Antwortschreiben fand sich auch eine Visitenkarte von Herşcovici mit der Mitteilung:

Sehr geschätzter Herr Doktor!
Vielen Dank für ihre liebenswürdige
Einladung. Ich werde mich gerne und
zuversichtlich einfinden
Hochachtungsvoll
ihr ergeb.
Filip Herşcovici

Über eine Wiener “Wozzeck”-Aufführung, die drei Monate nach der von Herschkowitz verpaßten Probe stattfand, wurde Berg, der sich in Königsberg (zur Aufführung der Weinarie unter Scherchen) aufhielt, ausführlich in einem Brief vom 2. Juni 1930 informiert, den sein ehemaliger Schüler und treuen Berichterstatter Julius Schloß gleich nach der Vorstellung schrieb. Dort heißt es:

Von Bekannten waren da: Charly Berg, Dr Ploderer, Stein, Herşcovici, Apostels, + der blonde neue Schüler. [...] Das Publikum im Parkett + in der Loge sass teilnahmslos (lies: stumpfsinnig!) da, fast keine Hand rührte sich!

Dafür waren Galerie und Stehparterre begeistert! —>
Sonst nichts neues. [...]
(Österreichische Nationalbibliothek, Wien)



IV

12 Oktober 1930

Sehr geehrter Herr Berg,

Ich habe Ihnen den ganzen Sommer nicht schreiben können, weil ich habe immer gewartet dass ich soll eine neue Arbeit anfangen. Ich begreife nicht gut warum es mir unmöglich war anders zu verfahren. Vielleicht dafür weil ich habe einen Zusammenhang gemacht damit dass ich Ihnen das vorige Jahr geschrieben habe während ich war mit einer Arbeit beschäftigt, welche ich seit damals zu einer guten Ende gebracht habe[3] .. es ist kindisch aber psychologisch richtig für einen Schüller.

Nun schreibe ich Ihnen doch ohne diese Arbeit angefangen zu haben: der Sommer ist zu Ende und ich will Sie nich Wiedersehen ohne keine Verbindung zum vergangenem Jahre . .

Ich habe in diese Ferien so eifrig wie immer gearbeitet. Ich bin nach Hause gefahren mit diesen Gefühl von welchen man beherscht|besessen[4] ist, wann man weist dass man hat eine neue Arbeit anzufangen; es ist ein Gefühl wie wann man fährt heiraten und man fahrt[5] (wir sind schon im Traum) von einen Wutkranken Hund gebissen zu werden um während den Flitterwochen zu sterben, während die Braut Briefe an Alban Berg 01.svg, Briefe an Alban Berg 02.svg mein einzig im Leben gebliebenes Kind Briefe an Alban Berg 03.svg, wird einer Uraufführung (Briefe an Alban Berg 04.svg) unterzogen.

Sie erinnern Sich, Herr Berg, dass ich wollte eine Mellodram komponieren: Altenbergs “Tulpen”. Ich bin nach Hause gekommen so voll von meiner Aufgabe und meine Ansprüche, dass eine Woche konnte und wollte ich nichts machen. Nachher, habe ich angefangen zu arbeiten, aber ich wagte immer nicht diese Arbeit anzurühren gerade weil ich alle Gedanken dazu fertig hatte (und ich habe sie immer, unentstellt, doch vermährt) Ich habe alles anderes mögliches gemacht: am genauesten vollständig ein Oratorium von Schumann studiert, auch so genau angeschaut: die Instrumentation eines Orchestersatzes von Mendels[s]ohn, ein Band Lieder von Schubert, das Dirigierbuch Scherchens, ein Satz Ihrer Lyrischen Suite, paar hundert Seiten Klaviermusik Schuman[n]s; ich habe meine Fuge in allen Hin-sichten definitiv festgestellt; ich habe die erste zwei Stücke aus “Pier[r]ot Lunaire” auf einer solchen Art studiert, dass ich erst jetzt sagen kann dass ich einen Begriff von Musik habe und
.    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .

In dieser Zeit ist mir ein Einfall gekommen welche hat erst meine Arbeit verzögert aber welche versichert ihre Ausführung. Dieser Einfall ist gegenwärtig mein grösstes Gut; ich kann Ihnen darüber noch nichts näheres sagen, weil ich fürchte mich es soll mir nicht entgehen; es ist noch nicht greifbar. Jedenfalls, trotz es ist noch wenig Zeit bis zur meinen Rückkehr nach Wien, ohne es mir förmlich zu versprechen, hofe ich doch Ihnen dann etwas vorzeigen zu können.

An Sie habe ich nur eine grosse Bitte: sich nicht Ihr Geduld verlieren weil ich so langsam arbeite. Ich brauche einen anormal langen Schwung, aber wann man mit mir Geduld hat und wann ich fang nicht an mich selbst zu terrorisieren dass man gleich mit mir das Geduld verlieren werde, dann gibt es die Möglichkeit dass dieser Schwung soll sein der Schwung zu einen Rekord. Ich kenne mich gut genug um Ihnen jetzt sagen zu können, das mein Schicksal grössten Teils von Ihnen abhängig ist. Daher bitte ich Sie überhaupt für das früher erwähnte.

Ich grüsse Sie herzlichst; ich erlaube mir die Frau Berg Briefe an Alban Berg 05.svgam passendstenBriefe an Alban Berg 06.svg zu grüssen.

Filip Herşcovici



V

28 Okt. 1930
Sehr geehrter Herr Berg!

Gestern haben Sie nicht die Möglichkeit gehabt, es war nicht die Zeit dafür nachzudencken wann Sie in Wien zurück sein werden. Ich werde selbstverständig um den 15 des nächsten Monates bei Ihnen telefonisch nachfragen. Für den Fall aber dass bei Ihnen niemand zu Hause bleibt, teile ich Ihnen meine gegenwärtige Adresse mit, dass Sie sollen die Möglichkeit haben mich zu verständigen wann Sie es wolten.

(I Heinrichsg. 2 2/1 Kasten 3)
Filip Herşcovici



VI

28 November 1930
Sehr geehrter Herr Berg!

Heute, bei der Stunde, habe ich vergessen, Ihnen über etwas ziemlich wichtiges zu sprechen. Vor paar Tage, bin ich zusammen gewesen mit dem Schloss[6] und mit dem Apostel[7] und sie haben mir geraten dass ich soll auch etwas einsenden zur Internationalen Geselschaft für Musik (ich kenne nicht genau ihren Name.) Für mich, kommt in Betracht einzusenden dass was ich wirklich fertig habe, d. h. den Walzer für Klavier und die Fuge für Kammerorchester. Weil aber diese Sachen sind nicht alleinstehend und weil die dazugehörende Stücke noch unvolkommen oder gar nicht fertig sind, möchte ich nicht das machen ohne Ihren Rat.

Eigens dafür wollte ich Sie nich anruffen.

Ich habe mir aber erlaubt Ihnen zu schreiben, Ihnen darauf zu verlangen dass Sie so gut sein sollen mir darauf zu antworten mit Ihren Rat. Oder dass Sie sollen für nächstens (die Einsendezeit ist bis dem 10 Dezember, und eventuell musste ich erste die Fuge kopieren lassen) mir eine Stunde geben (also nicht den 11 Dezember, sondern in 2-3 Tagen) wann wir konnten die Sache besprechen und eventuell eben Ihnen die Fuge angehender zeigen (Sie haben ihre Instrumentation das vorige Jahr nich gut nur nach den Skizzen begreifen können).[8]

Ich bitte Sie um eine schnelle Antwort.

Hochachtungsvoll
Filip Herşcovici

I Postg. 2/48 III Stiege



Von Bergs Hand ist hingefügt: Montag 1/2 4.



VII

12/III/1931
Sehr geehrter Herr Berg!

Ich danke Ihnen für Ihren Brief und ich hoffe dass bis in paar Tage werden Sie wieder gesund sein.

Der Kleinberg ist bei mir täglich. Er wird Ihnen die Fotografien bringen.

Mir geht es bedeutend besser. Ich bin jetzt von einen sehr tüchtigen Artzt behandelt.

Ich habe einige Stellen Ihres Briefes nicht gut verstanden: Fragen Sie mich ob Sie mich besuchen konnten?? Ob ich richtig gelesen habe..: Ja; es wärre für mich eine sehr grosse Freude. Ich bleibe zu Bett noch bis Ende der Woche. Ich versuche unterdessen zu arbeiten.

Ich grüsse Sie herzlichst
Filip Herşcovici



VIII

Sehr geehrter Herr Berg,

Das erste mal wann ich zu Ihnen nicht kommen konnte, war ich an Grippe erkrankt. Jetzt liege ich im Bette mit einer Hodenentzündung. Ich soll auch diese Woche im Bett bleiben. Ich biete Sie um Entschuldigung dass ich Ihnen so viele mal Stunden absagen muss.

Ich werde Sie anrufen so bald ich herausgehen darf.

Es tut mir sehr leid dass ich Sie so lange Zeit nicht sehen konnte.

Hochachtungvoll
Filip Herşcovici



Der Brief ist undatiert. Er wurde von Herausgebern an dieser Stelle in die Chronologie eingefügt, da aus dem Inhalt hervorgeht, daß Herşcovici sich noch offiziell als Schüler Bergs erachtete — was 1932 nicht mehr der Fall war. Da der Brief aus Wien geschickt wurde, dürfte er vor dem Sommer 1931 geschrieben sein, den Herşcovici wie jedes Jahr in Rumänien verbrachte. Allerdings notierte Berg in seinem Terminkalender für das Jahr 1932 unter dem 10. März noch einen Besuch von Herşcovici.



IX

Sehr geehrter Herr Berg!

Ich danke Ihnen herzlichst der Mitteilung wegen, das Deutsche Musikfest betreffend, welche Sie mir durch Schloss gemacht haben.

(Hochachtungsvoll)
9/VI/31 Filip Herşcovici



Der Text wurde auf die Rückseite einer Geldanweisung über 60 Schilling an Berg geschrieben. Was die erwähnte "Mitteilung" betrifft, so handelt es sich um eine Postkarte, die Berg am 7. VI. 1931 an Julius Schloß schickte:

L. S., Einsendungstermin f. das A. D. M. V.’s = Fest 1932 spätestens 1. Sept. d. J. Verständigen Sie bitte Apostel u Herškowici./ Herzlich Ihr Berg
(Bayerische Staatsbibliothek München).

Ebenfalls in der Bayerischen Staatsbibliothek befindet sich eine undatierte Karte von Berg an Schloß:

Kommen Sie, 1. S., wenn Sie Zeit haben, Donnerstag d.25. nachm.
(5 Uhr) zu uns zum Thee bitte; Reich, Heršcov. Rothmühll. Apostel etc. kommen auch! / Herzl Ihr Berg.



X

29/VII. 1931
Sehr geehrter Herr Berg!

Ich fange selbstverständlich mit der Frage an, ob Sie schon vollkommen gesund sind.

Selbstverständlich fange ich mit dieser Frage an.

Ich hofe (ich hofe) dass Sie sind gesund; dass Sie sind zufrieden; - ich meine damit: dass Sie arbeiten.

Ich bin nicht krank, Gott sei Dank; ich arbeite, Gott sei Dank; aber ich erlaube und traue mir nicht bis im Herbst zufrieden zu sein. Meine alte Arbeit ist in Fortschritt; und ich hofe nächstens über Neues Sie unterhalten zu können; über etwas Neues.

Bis dahin werde ich vielleicht von Ihnen paar Worte bekommen?

Für Frau Berg, das Beste - (die beste Grüsse)

Ihr Schüller, Filip Herşcovici

— Luza Vodă 9 Jaşi -



Von Bergs Hand hinzugefügt: 7/8 und: Rumänien.



XI

Jassy 21/IX. 1931
Sehr geehrter Herr Berg!

Das Photo was ich von Ihnen bekommen habe hat mich besonders gefreut und ich dancke Ihnen herzlichst dafür. Dass ich Ihnen zwei Monate nicht geschrieben habe, ist schuld daran, nur mein Gefühl dass ich Ihnen nicht schreiben darf solange ich nicht durch der Arbeit geweiht bin. Ich arbeite jetzt wieder. Das ich jetzt immer nicht mit dem was ich leiste zufrieden bin, ist darauf zurückzuführen dass ich in der letzten Zeit anspruchsvoller gegen mich selbst geworden bin. 

Trotz einer bedeutenden Verschlechterung meiner materiellen Lage, habe ich Gründe mich besser als je zu finden; ich habe für das kommende Jahr grosse Hoffnungen. Sie betreffen nicht gerade meine Arbeit, aber sie (meine Arbeit) hat vor Allem anderen einen günstigen Einfluss von ihrer Erfühlung zu erwarten. Näheres werde ich Ihnen mündlich sagen. Ich dencke in November in Wien zu sein. Ich wärre wircklich froh wenn ich wusste das Ihr Urlaub hat Ihrer Gesundheit und Arbeit genützt.

Ihr Schüller Filip Herşcovici
Luza Vodă 39 Jaşi



XII

Jassy 21/IX. 1931
Sehr geehrter Herr Berg!

Wenn es für Sie eine Freude ist wenn Sie sich überzeugen können dass man Ihre Worte nicht vergisst, dann konnte ich hoffen Ihnen mit diesen Brief eine Freude zu machen.

Sie haben mir einmal vor fast zwei Jahre, vor paar Monate wieder von "der schönsten Melodie" gesprochen. (Sie soll in der Kammersymphonie enthalten sein.) Ich sass damals Ihnen ratlos gegenüber; ich wusste nicht und überhaupt, ich wolte nicht wissen was das bedeutet: "eine schöne Melodie"! Nun, jetzt wenn ich das weiss verstehe ich auch warum ich es bis jetzt nicht begreiffen konnte: weil ich wollte zur Wahl alles Gegenwärtiges heranziehen. Aber eben wie eine Melodie ihren natürlichen Platz in der Oberstimme hat, (weil eine Melodie das Ergebniss der Obertöne der unter ihr gelegenen Stimmen ist) ebenso darf man höchstens die Musik einer sehr nahen Vergangenheit zu einer solchen Wahl heranziehen. (Weil eine Vergangenheit steht zur Gegenwart auch als Ergebniss derer Nebenwirckungenreihe. Diese Nebenwirkungenreihe wird auch als Prinzip die Folge: Oktav, Quint, Terz, u. s. w. haben.) Also nur kein Gegenwartswerk von diesen Standpunkt beurteilen wollen! Es wärre wie wenn man den expressiven Wert suchte eines Bassschrittes, welcher nur Funktionverhältniss bedeutet.

Ich habe das alles begreiffen können nach dem ich ein Werck, fünf Minuten vor unserer Nachkriegs-gegenwart entstanden, ausfürlich gelesen habe, in welchen ich — bei meinem Gott — die "schönste Melodie" gefunden habe. Es handelt sich um den Nebensatz Ihrer Klaviersonate. Ich stehe in diesen Augenblick genug hoch um mir gar erlauben zu können Sie zu schmeichlen. Hätte ich aber nicht gewusst dass Sie der Zwillingsfrcund vom eben sublimen Webern sind, wärre ich vor Angst erstarrt; die "Schönheit" einer "Melodie" (ich möchte Doppelanführungszeichen benützen) in diesen Sinne erkännen, sollte bedeuten entweder die Regression in etwas Verhasstes (wie wenn man Hakenkreuzler hasst auch dafür weil man selbst nicht kräftige Fäuste hat nebst dem dass man das Raufen verachtet.) oder die Auflösung .. Obertöne lösen den Halbton auf .. Wenn wir jetzt wenn auch nur als Dynamikbeispiel beachten wollen das der Begriff "Kunst der schönen Melodie" nichts anderes als der Obertonweise-präzipitat der "Kunst Musik" ist, (es muss in der deutschen Sprache ein anderer technischer Ausdruck als "Präzipitat" für diesen chemischen Vorgang geben) werden wir verstehen dass jemander welcher von "schöner Melodie" jiichts verstehen können will, ist es weil er fürchtet die Auflösung nicht des Halbtones, sondern ... seiner Beziehungen zur Musik ... die Auflösung wirckt übergreifend in ein fremdes Gebiet. Diese Übergreifung kann sich auch in einer Heranziehung umkehren. Wie in der folgenden Erscheinung: Alle Schlager scheinen änlich untereinander; der letzten Schlager ist aber die Saxofonklangfarbe zugekommen; diese Klangfarbe hat die letzten Schlager vom Einklang mit die ältere und die ganz alte Schlager verschoben. Die Auflösung hat hier durch Heranziehung eines fremden Elementes gewirckt: neue Klangfarbe statt Halbtonauflösung.

Ich will diesen Gedanckengang “terminer en queue de poisson”. Ich habe mir das Vergnügen gegönt eine Idee mit schönen Körper und süssen Fleisch welche ich in der schönen Form der Girl-Revue entwickelt habe, Ihnen zu widmen.

Ich muss jetzt einmal zurückgreifen um etwas zu ergänzen.

[  Briefe an Alban Berg 07.svg .... wärre ich vor Angst erstarrt ...... Schönheit einer Melodie ........ entweder Regression oder Auflösung .......].....

Nun: man kann die Regression fürchten so lange man nicht den Process der Auflösung warnimmt.

.. Was hat damit Webern zu tun?.,: Weberns Musik ist immer ge¬genwärtiger egoister Oberton. Es ist gar nicht notwendig — zu wissen wieso eben Webern mich eben an Sie fesselt.

Ihr Schüller Filip Herşcovici

15/X. 1931 — Jassy, Luza Vodă 39

Von Bergs Hand hinzugefügt: Rumänien.



XIII

Sehr geehrter Herr Berg!

Ihr Brief hat mir eine besondere Freude gemacht und ich dancke Ihnen herzlichst dafür. Ich werde bis in kurzer Zeit in Wien und bei Ihnen sein.

Ihr Schüller
Filip Herşcovici
grüsst Sie herzlichst.

5/XI. 31

Postkarte aus Bukarest.



XIV

Sehr geehrter Herr Berg. — Ich bin seit kurze Zeit in Wien; ich fühle mich jetzt besser als je; ich arbeite besser als je. Wenn ich die Arbeit welche mich jetzt beschäftigt zu Ende haben werde, werde ich mich Ihnen melden.

Sehr geehrter Herr Berg. — Ichhabe jetzt mit 150 sch. pro Monat zu leben (im vorigen Jahr: 520 sch.) Das soll, bei Ihnen Gratisstunden verlangen, fordern, betteln bedeuten. Nur, was Stunden betrifft, brauche ich wircklich nichts mehr als höchstens ein Mal in einige Wochen — wenn ich eine Arbeit zu Ende haben werde; (ich werde heuer eventuell nur Lieder arbeiten[9]) — von Ihnen empfangen zu werden. Ich brauche aber sehr Ihre Nähe! Aber nich Ihre Nähe bei einer Cigarette; ihre Nähe im Sitztempo beim Blumengeschmücktes Tischchen. Ich will dass Sie mich gebrauchen; wie und auf welcher Art es Ihnen besser passt. Ich möchte z. B. Ihnen einmal Korrekturen zurückbringen und dass Sie mich ins Badezimmer empfangen. Ich möchte und ich brauche es von Ihnen in einem Alltags Ton angesprochen zu werden. Das kann zu Stande kommen nur dann, wann ich dürfen werde Ihre Werkstatt mit den Besen auskehren. Nur auf dieser Art wird die wegfällige Hefe welche bei der Gärung Ihrer Arbeit entsteht an meiner Jugend haften bleiben können und so den Teint meines Geistes von Wimmerl reinigen.

Dieser Brief ist nich schüchtern und auch nicht schroff, sondern nur sachlich. Es handelt sich vielleicht um einer unbeholfenen Sachlichkeit, jedenfalls aber um einer Sachlichkeit.

Es grüsst Sie
Ihre Schüller Filip Herşcovici

F. H. III Neulingg. 36/18. U. 17-8-51



Der Brief ist undatiert. Die Plazierung an dieser Stelle beruht auf folgenden Erwägungen: In der Neulinggasse wohnte Herşcovici vom Herbst 1931 bis zum Ende des Sommers 1934. Der Brief wurde unmittelbar nach dem jährlichen Aufenhalt in Rumänien geschrieben. 1931 kehrte Herşcovici im November aus Rumänien zurück. Der Inhalt des Briefes zeigt, das Herşcovici sich noch als ein Schüler an Berg wandte.



XV

Jassy 28/V. 1932
Sehr geehrter Herr Berg!

In Folge unserer Verständigung, schicke ich Ihnen meine Fuge. Ich danke Ihnen nochmals dafür, dass Sie den Herrn Pulmann auf sie aufmercksam machen werden. Ich werde ihm, also, das bereitete Exemplar übergeben, wenn Sie mich verständigen wollen werden, dass Sie mit ihm bereits in Fühlung getreten sind

Ich habe Ihnen nichts besonderes mitzuteilen, mich betreffend.

Ich hoffe dass Sie gesund, und zufrieden mit Ihrer Arbeit sind.

Ich hoffe vielleicht, auch Sie zu sehen, in Juni, wenn Sie herkommen.

Ihr Schüller
III Neulingg. 36/18 Filip Herşcovici



Die paar Worte für Sie auf der ersten Seite der Fuge, wurden mit Bleistift geschrieben, weil dieses Papier keine Tinte vertragt[10].



Aus dem durch Berg vermittelten Kontakt ergab sich dieses Mal tatsächlich die Uraufführung der Fuge.

Am 7. Juni 1932 schrieb Simon Pullman an Berg:

[...] Ihren lieben Brief habe ich erhalten. Die Partitur des Herrn Herşcovici ist mir schon zugekommen. Ich möchte Ihnen versichern, lieber Meister, mein möglichstes zu tun.

Dieser Tage bin ich einige Male mit Herrn Koussevitzky zusammengekommen. Jedesmal sind wir im Gespräch auf Ihre Musik gekommen. Herr Koussevitzky verlässt Wien am 19. Juni und hatte sich sehr gefreut vor seine Abreise Sie persönlich kennen zu lernen. [...]

Im Nachlaß von Joseph Marx (Handschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek) fand sich neben Briefen Simon Pullmans das Programm zu folgender Konzertreihe:

Die Kammermusik
Konzerte unter Leitung
von Simon Pullman
4 Abonnementkonzerte
Jänner - April
1933
Kleiner Musikvereinssaal

Alle Konzerte fanden ohne Dirigenten statt. Das Programm des Konzertes vom 22. März 1933 war:

L. van Beethoven

Symphonie Nr. 2 D-dur, op. 36

Filip Herşcovici

Fuge für Kammerorchester
(1930 - Manuskript) Urauff.[ührung]

Darius Milhaud

Fünf Symphonien

Johannes Brahms

Serenade A-dur für kleines Orchester op. 16

Die Aktivität Pullmans ist von großem Interesse. Recherchen der Herausgeber ergaben bisher folgendes:

Simon Pullman war Violinlehrer und Leiter einer Kammermusikklasse am Neuen Wiener Konservatorium in der Himmelpfortgasse. Diese private Lehrstätte wurde 1909 gegründet. 1934 erschien eine Festschrift: "25 Jahre Neues Wiener Konservatorium" (nachgedruckt in: Eveline Möller: Die Musiklehranstalten der Stadt Wien und ihre Vorläufer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Dissertation, Wien, 1994). Ober Simon Pullman, der "sich als Lehrer für Kammermusik einen Namen gemacht" habe, ist in der Festschrift (S. 33) weiter zu lesen:

Ab 1905

Konzerte in Frankreich, Rußland, Polen.

1915-1921

Gründer und Leiter der Pullmann-
Kammermusikkonzerte in Warschau.

1932

Gründer der Pullmann-Kammerorchester-Konzerte in Wien (Aufführungen ohne Dirigenten).

In den erhaltenen Büchern des Neuen Wiener Konservatoriums ist Pullman seit dem Schuljahr 1922/23 als Lehrer aufgeführt. 1933/34 sowie 1934/ 35 sind keine Schüler mehr unter seinem Namen eingetragen. Danach wird er in den Büchern des NWK nicht mehr erwähnt. Nach dem Anschluß Österreichs an Nazi-Deutschland verlieren sich die Spuren dieses Musikers. 1938 wurde das NWK aufgelöst. Der letzte Brief Pullmans an Joseph Marx trägt das Datum: 14. Februar 1938. Vom Magistrat der Stadt Wien erhielten die Herausgeber folgende Mitteilung:

In Beantwortung Ihrer mündlichen Anfrage teilen wir Ih¬nen mit, daß Simon Pullman, geb. am 15.2.1887 in Warschau, Musikpädagoge, verheiratet mit Eugenie, geb. Rajchman, geb. am 5.1.1896, ab 11.6.1938 in 3, Fasangasse 49/31, vorher in 3, Modenapark 6, gemeldet war und sich am 24.6.1938 nach Paris abgemeldet hat. In der bis 1947 im Archiv verwahrten Melde-registratur liegt von ihm keine weitere Meldung vor.

Auch das Streichquartett der Geschwister Galimir ist aus dem Neuen Wiener Konservatorium hervorgegangen. Die Festschrift erwähnt als Professor am NWK "Adolf Bak (der mit Recht bewunderte Lehrer der Geschwister Galimir, des David Grünschlag, der Liselotte Marcus etc.)" (S. 4). Früh begann dieses junge Quartett Werke von Berg und Webern aufzuführen. Wie Pullman stammten die Galimirs aus Polen. In einem Brief vom 27. Dezember 1933 an Arnold Schönberg berichtete Webern über das Galimir-Quartett:

Schließlich war noch in dem Hause eines Amerikaners eine kleine Feier, bei der mein Quartett u. die Bagatellen für Streichquartett gespielt worden sind.

Diese Wiener Aufführungen meiner Quartette hat das sehr junge aber wirklich sehr talenti[e]rte Galimir-Quartett besorgt. Vielleicht hast Du schon von ihnen gehört: es sind vier Geschwister. 1. der Bruder, 2. Br. u. C. die Schwestern. Zur Kriegs¬zeit aus Polen eingewanderte Juden. —
(Library of Congress, USA)

Es ist möglich, daß der Kontakt der Galimirs zu Berg durch Pullman zustande kam. Pullman selber führte mit seiner Kammermusikklasse Musik von Berg auf. Die Geschwister Galimir schrieben am 12. Mai 1931 an Berg:

Wir erhielten vor einigen Tagen von Herrn Professor Pullman Ihre 4 Partituren, die er uns mit strahlendem Gesicht überreicht hat.

Sie können sich sicherlich nicht vorstellen, wie sehr uns dieses ebenso liebe als auch wertvolle Geschenk gefreut hat. Wir wollen Ihnen auf diesem Wege nur herzlichst dafür danken und uns der Hoffnung hingeben, recht bald wieder Gelegenheit zu haben eines Ihrer Werke aufführen zu können.
(Österreichische Nationalbibliothek)



XVI

Sehr geehrter Herr Berg!

Ein halbes Jahr habe ich Ihnen nicht geschrieben. Es ist das alte Zeichen: ich bin immer unzufrieden und jetzt erst recht nicht bereitwillig auf der Zufriedenheit zu verzichten.

Von meinem in dieser Zeit verflossenen Leben, werde ich Ihnen nur positives und erfreuliches mitteilen: Ich habe Hermann Scherchen kennen gelernt und ihm als Schüller gegenüber gestanden. Er hat auf mich einen gewaltigen Eindruck gemacht und es ist ihm gelungen, durch zusammenschütteln, viel Gutes und Böses in mich auseinander zu bringen.

Sonst möchte ich über Sie recht Vieles erfahren. Es wird auf mich, wie selbstverständlich, erfrischend wircken.

Herzlichst grüsst Sie Ihr Schüller Filip Herşcovici



Der Brief ist undatiert. Es ist wahrscheinlich, daß er nach dem Dirigierkurs geschrieben wurde, den Hermann Scherchen vom 20. Oktober bis zum 10. November 1932 in Wien gab (vgl.: Hermann Scherchen: ...alles hörbar machen. Briefe eines Dirigenten 1920-1939, Berlin 1976). Noch Jahre später erinnerte sich Scherchen präzise:

Vorher hatte ich das grosse Glück, zum erstenmal das musikalische Wien zu erleben. Das kam so: Ich war nach Wien eingeladen worden, die neunte Mahler-Sinfonie für den Rundfunk aufzunehmen. [...] Bei der ersten Probe erschien plötzlich eine Schar von Jünglingen und jungen Mädchen feierlich mit einem Fürsprecher. Sie fragten mich, ob ich erlauben würde, daß sie der Probe beiwohnen, überhaupt, daß sie allen Proben beiwohnen. Sie seien Schüler von Webern und Berg, und es sei für sie sehr wichtig, die Arbeit an der 'Neunten' Mahler zu erleben. [...] Dieselben Menschen kamen dann am dritten Tag wieder zu mir: "Herr Doktor, was wir da in der Probe hören, ist für uns so wichtig. Würden Sie uns Unterricht geben, solang Sie in Wien sind?" So ergab sich, dass ich mit 30 jungen Leuten einen Kurs über Probleme der musikalischen Wiedergabe machte. Daraus wurde zum Teil auch ein Dirigierkurs, aus dem einige Schüler hervorgingen. Dann spielte sich wieder etwas ab, was nur in Wien möglich ist. Eines Tages kam dasselbe junge Mädchen — Dea Gombrich, eine Geigerin — wieder zu mir und sagte: "Herr Doktor, warum können wir die Dinge, die Sie uns sagen, nicht praktisch erleben?" Ich sagte: "Liebes Kind, es ist furchtbar einfach: Das Orchester dazu ist nicht da." [...] Das war mittags um zwölf. Und dann kam sie mit einem anderen Schüler, Herschkowitz, einem jungen Rumänen, Schüler von Alban Berg, nachmittags um vier, als die Stunde war, und sagte: "Herr Doktor, wir haben das Orchester." (Hermann Scherchen: Aus meinem Leben. Russland in jenen Jahren. Herausgegeben von Eberhard Klemm, Berlin 1984. S. 52-53.)



XVII

Sehr geehrter Herr Berg!

Ich teile Ihnen mit, dass im Tkt. 7 des ersten der drei Webern-Lieder, befindet sich (in der Gesangspartie) die Reihenfremde-Note[11].

Briefe an Alban Berg 10.svg (c, cis, g sind die 3 An-fangsnoten der ev. U. Die wird aber nicht ausgeführt.)

von welcher ich hoffe, das sie "programgemäss" Reihenfremd ist.

29/IV. 1933 Ihr Schüller Filip Herşcovici



Postkarte aus Wien. Berg schrieb an den Rand des Notenbeispiels: op. 18

XVIII

Filip Herşcovici
II Malzg. 2/10
6/XII.1934

Sehr geehrter Herr Berg!

Ich teile Ihnen mit dass ich beabsichtige in möglichst kurzer Zeit zu Dr. Webern in die Lehre zu gehen[12]. Jetzt will ich diesen Entschluss Ihnen gegenüber verantworten.

Schönberg spricht in seiner Harmonielehre von den "anders Begabten" welche oft gezwungen sind Umwege über Irrtümer zu machen. Ich weiss jetzt dass ich zu diesen gehöre. Wenn ich mir die Zeit in welcher ich bei Ihnen Stunden nahm vergegenwärtige, ist es für mich ein Leichtes die Formel zu erforschen (es war leider eine Formel) auf weicher mein damaliges Tun und Streben fusste. Diese war: Kunst = Wahn. Später habe ich ziemlich gut Wagners "Ring" kennen gelernt. Nebenbei ist mir in dessen Text einmal die Verwandschaft zwischen den Worten Wahn und wähnen aufgefallen. Und da sah ich ein, dass meine unglückliche Formel etwas für sich hatte. Nämlich Kunst soll das Höchste sein, das Höchste ausdrücken und das Allerhöchste wird vom Menschen eben nur "gewähnt" (— geahnt —). Mein Fehler lag aber daran dass ich den Wahn in Reinkultur züchten wollte. Ich dachte den Wahn von der Fantasie herauszufischen ohne mich dadurch zu verpflichten ihm eine "hiesige" (weltliche, menschliche, natürliche!) Gestalt zu geben. Ich hatte nähmlich damals einen suveränen Hass gegen alles was "Form" hiess. Ich glaubte dass Form und Zufälligkeit Eines und dasselbe seien. Ich weiss nicht warum. Erst viel später habe ich die Gedanken des grössten Denkers der Neuzeit kennen gelernt, welche mich zu überzeugen vermochten dass Formen, Lebensdinge sind — und nich Schicklichkeitsgegenstände... Da hatte ich aber schon seit langer Zeit, in Folge des Konflikts in welchem ich mit mir selber geraten bin, den Unterricht bei Ihnen und damit jede aktive musikalische Tätigkeit unterbrochen. In den Jahren welche seit damals vergangen sind habe ich eine Art geistige Liegekur gemacht Garnichts geschaffen und die Musik der grossen Meister eingeatmet. Um mich weiter "schön" auszudrücken: Brunhildens Felsen ist dieses Arosa gewesen auf welchem ich meinen Krankenlager verlassen konnte. Dieser "Ring" ... — die Musik hat mir sehr gefallen, ich habe sie mir beim Lesen, sogar sehr virtuos vorgestellt, aber bei näherem Hinschauen, habe ich wahrgenommen dass ich nicht im Stande bin die harmonische Funktionen zu beurteilen. Da war mir aber schon möglich einen Entschluss wie Folgender zu nehmen: Die Harmonielehre Schönbergs durchzuarbeiten und dann zum Webern gehen um Formenlehre zu studieren. Zum Webern und nicht zurück zu Ihnen: nur einer mit welchem ich nicht durch die Gespenster meiner schlimmen Vergangenheit verkehrt habe, ist im Stande mich auf den eigenen Beinen zu stellen.

Spinner[13] hat mir einmal erzählt dass er sehr gerne zum Webern gegangen wäre, dass er aber diesen Schritt vor seinem Lehrer Pisk[14] nicht hätte verantworten können. Unwillkürlich musste ich Spinners Erzählung mir durch den Kopf gehen lassen, schliesslich gelang ich aber zur Überlegung: Erstens sind Sie Alban Berg und nicht Paul Amadeus Pisk. Zweitens bin ich nie Ihr Schüler im eigentlichen Sinne des Wortes gewesen und das, aus dem einfachsten aller Gründe: ich bin noch nie bis jetzt von jemandem etwas zu lernen im Stande gewesen. Ich fühlte mich jedoch Ihnen innigst nahe. Ich glaube dass Sie es wissen. Sie waren für mich einer der grossen Meister; der grosse Meister welcher mir gütigst Aufmerksamkeit schenkte. So werden Sie verstehen dass mein Verhältniss zu Ihnen sich nicht ändern konnte und hoffe dass auch Sie mir gegenüber der Alte bleiben werden. Ich hofe es von Ihnen zu hören.

Mit aller Herzlichkeit
Filip Herşcovici



XIX

Filip Herşcovici
Wien II
Malzg. 2/10
3 August 1935
Sehr geehrter Herr Berg!

Ich arbeite jetzt Kontrapunkt bei Dr. Polnauer[15]. Dazu ist es auf folgender Weise gekommen.

Den Unterricht bei Dr. Webern, habe ich bis Ende des Schuljahres genossen. Ich habe da zuerst Hauptthemen und dann Scherzi gearbeitet. Bei Gelegenheit der ersten Arbeit, habe ich zum ersten mal den Begriffen "festgefügt" und "lockergefügt" begegnet. Die von mir angestellten Lösungsversuche der Aufgabe: den als Hauptthema festgefügten musikalischen Gedanken, in einer richtigen Beziehung zu den ihn begleitenden Stimmen zu bringen, drängten mir das Bewustsein auf, dass es ein Prinzip der Über- und Unterordnung vorhanden ist, der sich sehr konkret und primär anwenden lässt. Die Klarheit über den Sinn und Zweck des Kontrapunktstudiums musste sich auch ungesuchterweise einstellen, sogleich ich jede im Klangkomplex vorkommende Erscheinung, dem in Satz- oder Periodenform gefugten Hauptgedanken unterordnen musste. Für andere, sogar durchschnittliche Menschen mag es eine Binsenwahrheit sein, dass man Kontrapunkt studiert um zur Technik des Setzens eines musikalischen Gedankens zu gelangen: Für mich ist es leider anders gewesen. Den Studium des strengen Satzes habe ich als 18-20 Jähriger betrieben. Unter anderem, auch in Folge der unzweckmässigen Lehrweise, musste ich glauben dass man dabei irgend ein Göttliches Exercitium vollzieht... "und sonst garnichts" (Wie die Marlene Dietrich in sogenannten besseren Zeiten sang.) Später, nach dem ich dieses Studium, unvollendet, beiseite geschoben habe, dachte ich auch ohne dieses auskommen zu können und daher, mir darüber kein Kopfzerbrechen mehr gemacht. Jetzt, wenn ich (auch deswegen, — des Kontrapunkts) umkehren musste, da ich nicht auskommen konnte, hat mir auch darüber ein Licht aufgehen können. Die Konsequenz davon war, dass wenn Dr. Webern mich fragte was ich diesen Sommer zu arbeiten vorhabe, ihm antwortete, dass ich Kontrapunkt arbeiten möchte und auf seiner Erlaubnis und Empfehlung hin, mich an Dr. Polnauer wendete, dessen bedingte Zusage diesbezüglich, ich schon lange vorher eingeholt habe. Ich arbeite bei ihm seit fast zwei Monate mit grösser Zufriedenheit. Im Herbst hofe ich die Arbeit bei Dr. Webern fortsetzen zu können. Das habe ich Ihnen zu melden gehabt in Bezug auf meinen musikalischen Bestrebungen. Aber das bisher Gemeldete, trotzdem es das Hauptsächliche meines Lebens betrifft, muss doch in diesem Brief nur als Einleitung zu etwas anderem genohmen werden. Dieser Brief, den ich aus meiner Verzweiflung heraus schreibe, ist einer der letzten Handbewegungen die ein Ertränkender macht gleichzustellen. Es handelt sich um meiner materiellen Lage.

Am Tage der Her[t]zkafeier[16], versprach mir Dr. Roth, dass er mir in höchstens zwei Wochen schreiben wird, um mir eine Arbeit zu übergeben. Nach vier Wochen vergeblichen Wartens, machte ich mir Mut und bin, ungerufen, zum Dr. Roth gegangen. Ich liess mich bei ihm anmelden; nach einigen Minuten, kam ein junger Mann zu mir der mir mitteilte dass Dr. Roth jetzt keine Zeit hat und fragte mich was ich wünsche. Nach dem ich das gesagt habe, versprach er mich zu verständigen sogleich eine Arbeit für mich vorhanden ist. Nebenbei, fragte er mich beim Herauskomplimentieren ob ich "bodenständig" bin. Die Frage machte mich stutzig und veranlasste mich Erkundigungen einzuholen, um zu erfahren wer der junge Mann sei. Das Erfahrene liess mich darauf schliessen, dass ich auf einer Arbeit von der U. E. lange warten kann.

Wie ich Ihnen mitgeteilt habe, wurde meiner Frau von tatkräftiger Seite versprochen, das sie in der Filmkomparserie einen Platz bekommen wird. Nun sind auch diese Versprechungen noch nicht ausser Kraft, vielmehr werden diese immer von Neuem bekräftigt; — sie hören aber nicht auf Versprechungen zu sein.

Ein Wunder hat uns noch die letzten Monaten an der Oberfläche erhalten. Aber seit zwei Tage weiss ich dass ich von Rumänien nichts mehr kriegen werde. Ich gehe jetzt der vollkommenen Verelendung entgegen. Jetzt kann mir nur noch eine von der Verzweiflung entspringende Bewegung heraushelfen. Eine Bewegung die unter Ausschluss aller Rücksichten vollzogen werden muss. Der Ertränkende wird nicht mit seinem "Hilfe"-ruf zögern aus Angst dass er jemandem vom Schlaffe wecken könnte. Ich der dass Wasser schon an der Höhe des Mundes spüre, strecke die Hand aus; vielleicht begegnet meine Finger ganz was anderes als leere Luft. —

XX

Sehr geehrter Herr Berg! Ich bitte Sie die Ververtigung des Klavierauszuges zu Ihrem Violinkonzert zu überlassen. Ebenfalls bitte ich Sie, mir zu erlauben, einen "Führer" zu Ihrer Oper "Lulu" zu schreiben. Ich weiss dass es möglich ist, dass nicht alles von Ihnen abhängt. Für diesem Falle, flehe ich Sie um Ihrer Befürwortung an.

Die notwendige Kraft um Ihnen diese Bitten richten zu können, schöpfe ich aus dem Bewustsein dass ich die Arbeit um welcher ich mich bewerbe, restlos bewältigen kann. Nicht restlos, sondern mustergültig; — ich schrecke vor diesem Worte nicht zurück. Wenn Bedencken die auftauchen können in Bezug auf das Deutschlandgeschäft sich geltend machen, verzichte ich gerne auf einer Verbindung zwischen meiner Arbeit und meinem Namen.

Nehmen Sie, Herr Berg, alle meine Bestrebungen zum Guten, entgegen.

Filip Herşcovici



Der Brief ist undatiert. Alban Berg begann mit der Komposition des Violinkonzerts im August 1934.



XXI

Filip Herşcovici 22./VIII 1935
Wien
Malzgasse 2/10



Sehr geehrter Herr Berg!

Ich bitte Sie mich zu entschuldigen dass ich Ihnen nicht gleich geantwortet habe. Nähmlich habe ich in den letzten zwei Wochen keine Zeit und keine Ruhe dazu gehabt: Ich war von den Reisevorbereitungen meiner Frau vollständig in Anspruch genommen. Sie ist nach Rumänien, zu meinen Eltern gefahren, wo sie bleiben wird bis ein günstiger Augenblick ihr ermöglichen wird zu mir zurückzukommen.

Ich danke Ihnen herzlich für Ihren Brief und für Ihr Versprechen. Mein Dank ist "herzlich" nicht weil ich ihn aufs Papier mit einem Eigenschaftswort ausstatten wollte, sondern weil er vom Herzen kommt. Ihr Brief war nähmlich auch "herzlich" und ich weiss dass ich Ihr Versprechen heilig nehmen darf.

Zwei Wochen habe ich verstreichen lassen bis ich dazu kommen konnte Ihnen zu antworten. Aus Zeit- und Ruhemangel. Weil meine Frau sich bereitete wegzufahren.

Aber nicht nur deswegen war ich unmhig, sondern auch und vielleicht hauptsächlich weil der Respekt den ich Ihnen als Meister und mir als Mensch schulde, mir nicht erlaubte meine Antwort an Sie auf einen Dank zu beschränken. Dieser Dank hätte nicht von einer einwandfreien Aufrichtigkeit begleitet sein können. Hätte ich aber Ihnen geradewegs mitgeteilt das was Ihr Brief in mich ausgelöst hat, gab es dann für mich die Möglichkeit mindestens als undankbar angesehen zu werden.

In den Jahren seit dem wir uns kännen hat es sich bis jetzt noch nie die Notwendigkeit ergeben das Sie mir helfen. In dieser ganzen Zeit habe ich Ihnen noch nie etwas verschwiegen welches auch nur im entferntesten in irgendeiner Beziehung mit meinen musikalischen Bestrebungen stand. Und gerade weil Sie mir helfen soll ich mich in der Notwendigkeit begeben mich von Ihnen seelisch zu entfernen und Ihnen das zu verschweigen was ich Ihnen vorher nicht verschwiegen hätte? Das ist mir zu dumm.

Nein! Die Arbeit die Sie mir verschaffen nehme ich dankbar an. Sie wird für mich in materieller Hinsicht eine tatsächliche und eventuell sogar eine beträchtliche Hilfe bedeuten. (Ich greife die Gelegenheit auf, und versichere Sie dass ich die Arbeit mit Hingebung erledigen werde.) Dass soll mich aber nicht hindern Ihnen das mitzuteilen, was mir auf der Seele liegt und nach einer Mitteilung an Sie drängt.

Ich wurde zur Bitte, die ich an Sie gerichtet habe mit der Verfertigung des Klavierauszuges Ihres Violinkonzertes oder eines Führers zur "Lulu" mich zu betrauen, von der Erwegung geleitet, dass eine solche Arbeit einträglicher als die Korrekturarbeit wäre. Das, in einem Augenblick, in welchem ich, hinsichtlich meiner materiellen Lage, weder ein noch aus wusste. Die Sachlage die Ihre Antwort geschaffen hat, hat in mir eine grosse Enttäuschung hervorgerufen. Ich wusste dass die Möglichkeit besteht keine bessere Antwort, zu bekommen. Ich war also auf Ihrer Antwort irgendwie gefasst; um so weniger aber auf meiner Enttäuschung. Diese hat mich selbst überrascht. Sie wird aber verständlich, sogleich man bedenckt, das für sie nicht mehr das materielle Moment ausschlaggebend war, sondern ein anderes: beim Lesen Ihres Briefes habe ich an der Arbeit als solcher, an meiner Arbeit dencken müssen.

... Korrekturarbeit... — mechanische Arbeit — ... Was geschieht unterdessen mit meiner Arbeit? ... — — So abgerissen wie ich es niederschreibe, habe ich es gedacht!

Den Führer zur "Lulu", — gönne ich dem Reich. — (Trotzdem ich glaube dass der, unter gewissen Umständen, sehr einträglich sein könnte!) Ich weiss dass man da keine ernste Arbeit leisten kann, sondern dass man sich beschränken muss auf einige Baedeckermässige Anweisungen, die den Frack- und Hermelinpelzinhaber und -inhaberinen aus Philadelphia verhelfen sollen die "Melodielosigkeit" tapfer zu überstehen.

Ganz anders verhält es sich mit dem Violinkonzert. Die Verfertigung eines Klavierauszuges ist eine bescheidene musikalische Tat, aber dennoch eine musikalische Tat! Und nach einer solchen lechze ich. So sehr, dass ich Ihnen schreiben muss:

Herr Berg! Wenn Sie glauben dass ich nicht nur einer materiellen sondern auch einer anderen Art Hilfe würdig bin, bitte ich Sie für dem Falle wenn es doch zu einem Klavierauszug des Violinkonzertes kommt, wenn keine unübersteigbare Hindernisse vorhanden, an mich zu dencken. Dann möchte ich von Ihnen nur folgendes hören: — "Lieber Herşcovici! Ich sende Ihnen die ersten dreissig Seiten der Partitur meines Violinkonzertes. Sie bekommen den Auftrag den Klavierauszug zu diesem Werk zu machen, wenn Sie den Auszug dieser dreissig Seiten die ich Ihnen schicke rasch und richtig zu Stande bringen".

(Ich kann mir leicht vorstellen dass es von einem Klavierauszug noch nicht die Rede war. Der wird aber unentberlich sein. Nicht nur für das Studium, — ein Particell verlangt am Klavier mindestens einen Opernkorepetitor; die Geiger aber arbeiten gewöhnlich mit ganz anderen Leuten — sondern auch für Aufführungszwecke. Jedes bekannte Violinkonzert, nicht zuletzt Ihr Kammer!-Konzert bürgt für die Richtigkeit meiner Auffassung.)

— Das lag mir auf der Seele, das drängte nach einer Mitteilung an Sie. So wie ich, seitdem ich Sie kenne, alles was nur im entferntesten irgend eine Beziehung mit meinen musikalischen Bestrebungen hätte, Ihnen mitteilte. — — So wie ich Ihnen, zum Beispiel folgendes mitteile.

Ich glaube, Herr Berg, die theoretische Begründung für der von Schönberg und seinen Schülern instinktmässig vorgenommener Ausschaltung der Oktave vom Zwölftonsystem, gefunden zu haben.

Wenn Sie mir die Handhabung des System erklärt und mir gesagt dass die Oktavenverwendung verboten ist, habe ich unwillkürlich an den im Tonalsystem herschendem Verbot der parallelen Quinten und Oktaven dencken müssen. Damals habe ich mit diesem Gedanken nichts anzufangen gewust. Vor einigen Wochen aber, im Rahmen eines Gespreches mit meinem Freunde Dr. Leopold Spinner, haben sich bei mir folgende Gedankengänge einstellen können.

Wir dürfen ruhig die Anschauung vertreten, dass im Zwölftonsystem, dem Tritonusschritt (bzw. dem Tritonusintervall) dieselbe primäre Rolle zukommt, die früher im Tonalsystem dem "stärksten Schritt": dem Quartenschritt aufwärts bzw. dem Quintenschritt abwärts gehörte. Die Bedeutung des Tritonus ist nicht mit einem Schlag, künstlich, geschaffen worden. Vielmehr, noch im Rahmen der Tonalität hat sich seine Bedeutung allmählich auszuschälen angefangen; — in Folge der sich immer rascher entwickelnden Beziehungen der Tonika zu ihrer Mollunterdominante. Der wichtigste Moment dieser Entwicklung, der für das weitere Wachsen der Bedeutung des Tritonus ausschlaggebend wurde, ist der Moment der Erscheinung der neapolitanischen Sext. Deren Erscheinung hat die Tatsache, dass eine Stufe (die II Stufe) zwei Grundtöne haben kann, geschaffen. (In C Dur: d und des.) Der nächste Fortschritt war, dass man nach Muster der Nebendominanten, neapolitanische Sexten auf allen anderen Stufen verwendete (Schumann und Brahms). Das Ergebniss davon: Alle Stufen haben je 2 Grundtöne bekommen. Ein noch weiterer Schritt der Entwicklung: der zweite, hinzugekommene Grundton jeder Stufe, wird nicht mehr nur für die Funktion des neapolitanischen Sextakkords verwendet, sondern wird, langsam, zur Ausübung aller anderen Akkordischen Funktionen hereingezogen. Endpunkt dieses Entwicklungsab-schnittes: auf den zweiten, hinzu gekommenen Grundton, hat man später auch Nebendominanten bauen können; zuletzt wurde sogar die Hauptdominante auf einen solchen Grundton gebaut. (Dominante von C = Ges (Fis)!)

So ging die Erweiterung der Tonalität Hand in Hand mit dem Vorrücken des Tritonus am Platz der reinen Quint. Heute, im Zwölftonsystem, sehen wir dass jedes besondere Phänomen, etwas mit dem Tritonus zu tun hat. Ein Beispiel: Jede Reihe, die in der Intervallfolge mit ihrem Krebs identisch ist, steht zu diesem Krebs im Transpositionverhältniss von einem Tritonus.

Die Tonalität war das System der absoluten Herschaft eines Tones über andere sieben Töne. Das Zwölftonsystem, ist ein System von 12 gleichberechtigten Töne. Im Siebentonsystem hat es nicht nur die Herschaft eines Tones gegeben, sondern auch eine gewisse Rangabstufung zwischen den anderen 6 Tönen. Als Massstab für diese Rang-abstufung galt die Obertonreihe und zwar, da es sich nur um 7 Töne handelte, konnten nur die einfacheren, primitiven Obertonverhältnisse massgebend sein. Ganz anders im Zwölftonsystem. Hier haben wir fast doppelt soviel Töne als früher, daher werden die zu Grunde liegenden Obertonverhältnisse zusammengesetzter, dass heisst: vollkommener sein. (Dieser Vollkommenheit ist die Gleichberechtigung der 12 Töne zu verdanken.)

In der Tat; jeder neuerscheinende Oberton hat die Funktion: die von seinen Vorgängern in der Obertonreihe geschaffene Intervalle, der Reihe nach in zwei womöglich gleichen Teile zu teilen. Nun werden wir sehen dass die aller ersten Obertöne diese Funktion sehr unvollkommen erfüllen. In der Obertonreihe von C, teilt G (der zweite Oberton) die zwischen den Grundton und den ersten Oberton zu Stande gekommene Oktav in zwei Teile, aber diese sind nicht gleich: es entstehen in Folge der Teilung eine Quint und eine Quart! Der vierte Oberton, E, teilt die zwischen dem ersten Oberton C und dem zweiten G in zwei Teile, aber diese sind nicht gleich: es entstehen in Folge der Teilung eine grosse und eine kleine Terz!

Was geschieht aber in der vierten Oktav der Obertonreihe? Dort haben wir ein Fis der die Oktav in zwei gleichen Teile teilt! Dort haben wir ein A der den Tritonus Fis-C in zwei gleichen Teile teilt! Und zwar an Ort und Stelle! Nicht wie am Anfang der Obertonreihe, wo das G, nebst dem dass es die Oktav in ungleichen Teile teilt, die Teilung nicht in der zu erst entstandenen Oktav, sondern erst in der nächsten vornimmt! (Auch ein Zeichen von mangelnder Vollkommenheit.) Wo das E, nebst dem dass es die Quint nur in ungleichen Teile teilt, die Teilung nicht in der zu erst entstandenen Quint, sondern erst in der nächsten vornimmt!

Da die Quint nicht im Stande war die Oktav in gleichen Teile zu teilen (Die Oktav in ihre Bestandteile aufzulösen! Als ihr Grundelement auftzutreten!) konnte sie ihr nicht ebenbürtig sein. Dasselbe gilt von der grossen Terz der Quint gegenüber. Daher die Rangverschiedenheiten im Siebentonsystem und daher also die Vorherschaft eines Grundtons! Da der Tritonus die Oktav entzweiteilt, da er als ihrer Hälfte erscheint, ist er ihr ebenbürtig. Daher die Gleichberechtigung aller Töne im Zwölftonsystem!

Der Tritonus ist der Oktav ebenbürtig. Ein Mikrob teilt sich in zwei Teile, und es entstehen zwei gleiche Mikroben. Das Verhältniss zwischen diesen zwei Mikroben, ist das Verhältniss zwischen Oktav und Tritonus. Der Tritonus, von welchem wir früher gesehen haben, dass er noch im Rahmen der Tonalität den Platz der Quint' angenommen hat, nimmt im Rahmen des Zwölftonsystems auch das Urkarakteristische der Oktav auf sich.

(Man wird sagen: das ist unmöglich! Der Tritonus ist doch nur die Hälfte der Oktav! Ich antworte: bei einfachen Verhältnisse kommt es auf der Quantität an, aber bei zusammengesetzte Verhältnisse, auf der Qualität! Ein Kilo Salz ist Salz und ein halbes Kilo Salz ist auch Salz, weil es auf der molekularen Zusammensetzung ankommt. Und der Tritonus ist Wesen vom Wesen der Oktav. Die Quint — ! — die hatte eine ähnliche, aber doch andere ... chemische Zusammensetzung.)

Die Quint stellte das Wesen der Dominante vor; die Oktav das Wesen der Tonika. Gehen und stehen der ehemaligen Tonalität sind jetzt auf einen einzigen Nenner gebracht worden: der Tritonus.

Im Siebentonsystem hat es ein Verbot von parallelen Quinten und Oktaven gegeben. In Folge meiner obigen Ausführungen könnte man sich dencken: wenn jetzt der Tritonus gemeinsamer Exponent der Quint und der Oktav ist, sollte man eigentlich den Tritonusparallelismus nicht dulden!

Falsch gedacht! Die Entwicklung geht nicht in einer einfachen, arithmetischen, sondern in einer potenzierten, algebrischen Progression vor sich. Im Zwölftonsystem sind nicht zwei paralelle Tritoni, zwei Tritoni nebeneinander, sondern zwei Tritoni übereinander, eine Oktav verboten! Das was ich da schreibe ist nicht aus der Luft gegriffen. In der Musik ist alles zu erst in einem Nebeneinanderverhältniss erschienen um dann in ein Übereinanderverhältniss überzugehen. Zeugen dafür: alle akkordische, vertikale, Erscheinungen verdanken ihre Entstehung dem melodischen, horizontalen Geschehen. Auch die Obertonreihe ist an ihrem Anfang horizontal (die Obertöne erscheinen in grösseren Zeitabstande von einander) und an ihrem Schluss vertikal (die Obertöne erscheinen fast oder gar gleichzeitig).

Zwei parallele Oktaven oder Quinten waren im Siebentonsystem verboten, um die Selbstständigkeit der Stimmen zu bewahren. Die Stimmenselbstständigkeit bürgte für die Logik der Bewegung, der Satellitenartigen Bewegung um den Grundton.

Auch im Zwölftonsystem sind dieselben Gründe ausschlaggebend gewesen (wenn auch unbewusst) zur Errichtung der Regel: die Verwendung einer Oktav (= 2 x Tritonus) ist verboten. Hier ist es wieder von der Selbstständigkeit der Stimmen die Rede. Die Logik der Bewegung bezieht sich aber hier auf ein entgegengesetztes Ziel: nicht die Anordnung um den Grundton, sondern die Ausschaltung des Grundtons.

Ich bin, sehr geehrter Herr Berg, begierig zu wissen ob Sie meine Gedankengänge für richtig halten. Ich grüsse Frau Berg und Sie herzlichst.

Filip Herşcovici

P. S. Meine Gedanken werden von der Tatsache dass die zwei Tritoni übereinander anstatt c-fis-c, nur c-c heissen können, nicht umgestossen. Gibt es den keine unvollständige Akkorde??

Umschlag:

Herrn

Alban Berg

Waldhaus in Auen

Kärnten    Post Velden

F. Herşcovici Wien II Malzg. 2/10



Das Original dieses Briefes befindet sich nicht wie die übrigen in der Österreichischen Nationalbibliothek, sondern in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek.



XXII


Filip Herşcovici

Wien

IX Bleicherg. 14/26 14/XI. 35



Sehr geehrter Herr Berg

Soeben habe ich die Korrektur des II. Teiles Ihres Violinkonzerts beendet. Den I. Teil habe ich noch nicht bekommen: er ist noch nicht fertig geschrieben, da die Frau Dr.Kurzmann die Partitur vom Kopisten für einige Tage zurückverlangte.

Bitte Herr Berg mir den beiliegenden Fragebogen zu beantworten. (Bitte um deutliche Schrift!) Ich hofe die Antwort von Ihnen in wenigen Tagen zu bekommen. Die Leute in der U. E., trotzdem, wie sie mir sagten, noch nicht vor haben die Stimmen schreiben zu lassen, sind doch recht pressiert.

Diese Arbeit ist schon die zweite, die ich von der U. E. bekommen. Die erste war: die dritte Auflage der Harmoniestimmen Ihrer "Lulu". Ich habe die Erfahrung machen können dass diese Arbeit nicht unbedingt von der eigenen abhalten muss und dass man bei ihr verhältnissmässig gar nicht schlecht verdient. Ich habe sie bekommen in einer Zeit wenn ich wircklich nicht mehr wusste was ich machen werde. (Ich habe mir aber die Gewohnheit genommen mich nicht mehr zu sorgen.) Wenn ich weitere Arbeit bekommen könnte, dann wäre es mir geholfen.

Es grüsst Sie herzlichst
Filip Herşcovici



Am 29. Oktober 1935 schrieb Hans Erich Apostel an Alban Berg:

"Lieber Herr Berg! Herscovici hat also die Kollation der Bläserstimmen der Lulusuite (mit Einverständnis der U. E.) übernommen, da ich immer noch nachts spiele [...] Die Partitur des Violinkonzerts soll jetzt schwarzkopiert werden. Von wem, weiss ich nicht, doch werde ich sie voraussichtlich kollationieren.”

(Österreichische Nationalbibliothek)



XXIII


Die Frau Berg und Sie, sehr geehrter Herr Berg, beglückwünsche ich, vom Herzen, zum neuem Jahr

Filip Herşcovici

30./XII



Postkarte aus Wien.

Es gibt keine Indizien, die die zeitliche Einordnung dieses Neujahrsgrusses erlauben.



XXIV

Sehr geehrter Herr Berg

Ich wünsche der Frau Berg und Ihnen ein glückliches neue Jahr. Bitte denselben Wunsch seitens meiner Frau entgegen zu nehmen. Da solche Beglückwünschungen durch ihre zwangsläufige Banalisierung an Wert (Aufrichtigkeit) einbüssen müssen, will ich die meinigen an Sie gerichteten, durch eine Rechtfertigung aufwerten; — ich will Sie überzeugen dass ich Grund habe Ihnen Gutes zu wünschen. —

(z. B.) Zenk[17] hat mir vor wenigen Wochen eines Ihrer frühen Lieder vorgetragen (... Sonnenschein; Briefe an Alban Berg 11.svg [18];) und dieses hat mich mit sowas wie Glück erfüllt. Dieses "sowas-wie-Glück" verschafft, dessen Urheber gegenüber, dem Empfangendem das Vermögen, einen Neujahrswunsch vollwertig aufrichtig zu empfinden.

Bitte als solchen nehmen Sie diesen hin. Filip Herşcovici

Примечания

  1. Dieser frühe Walzer muß nach bisherigem Forschungsstand als verloren gelten. Die Stelle belegt, daß Herschkowitz bereits mit 22 Jahren zwölftönig komponierte.
  2. В печатном издании в немецком тексте письма пропущен второй абзац, напечатанный в русском переводе, но сноска осталась. (СП)
  3. Mit dieser Arbeit ist vermutlich die 1929-30 komponierte Fuge für Kammerorchester gemeint, eines der wenigen frühen Werke, die nicht verloren gingen, da ein Exemplar der Partitur im Nachlaß von Alban Berg bewahrt wurde (s. Anmerkung 3 zu Brief VI, Erläuterungen und Anmerkung 1 zu Brief XV, sowie das in diesem Band S. 63-65 abgedruckte Vorwort zu dieser Partitur).
  4. Herşcovici schrieb diese beiden Wörter übereinander.
  5. В оригинале от этого слова проведена стрелка к слову von после скобки (СП)
  6. Julius Schloß wurde am 3. Mai 1902 in Saarlouis als Sohn eines Kaufmanns geboren. Von 1921 bis 1924 studierte er an Dr. Hoch's Konservatorium in Frankfurt am Main bei Bernhard Sekles. Von 1925 bis 1928 war er Kompositionsschüler von Alban Berg. Nebenbei studierte er Musikwissenschaft bei Guido Adler und Egon Wellesz. Schloß begann schon früh die Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen zu adaptieren. Über zwei frühe Werke, die bis 1926 komponiert wurden: "Mombert-Lieder" und "5 kleine Klavierstücke" schrieb er an Berg: "Die Lieder sind Übergang zur 12-Ton-Musik, die Klavierstücke sind es." 1927 begann Schloß mit der Komposition eines bedeutenden zwölftönigen Werkes; es war das "Streichquartett in einem langsamen Satz", das im Januar 1928 bereits beendet war. Das Werk wurde mehrmals aufgeführt, so 1929 beim IGNM-Fest in Genf. Der Komponist Willem Pijper schrieb in einer Kritik über diese Festspiele, die in Daniel Ruynemans "Maandblad voor Hedendaagse Muziek" erschien: "Die Kammermusik brachte die meisten Überraschungen. Das einsätzige Streichquartett von Julius Schloß fand keine Gnade in den Ohren der internationalen Presse. Es ist aber eines der wichtigsten Werke, die in den letzten Jahren für Streichquartett geschrieben wurden." Bald nach dem Quartett fing Schloß mit der Arbeit an seiner Klaviersonate an, die 1929 vollendet wurde. Alban Berg schrieb ein sehr lobendes Gutachten über diese Sonate. 1932 entstand ein weiteres wichtiges zwölftöniges Werk: "Requiem" (nach Hebbel) für gemischten Chor und Schlagwerk. Ein Exemplar wurde Berg überreicht mit der Widmung: "Alban Berg, der Seele unter uns - die sogar Tote beseelt - von einem dieser, seinem ergebenen Julius Schloß, Wien, 23.5.33". Am 16. August 1933 wurde durch den Pianisten Jakob Gimpel seine Klaviersonate in Strasbourg uraufgeführt. 1933 ging Schloß wieder zu seiner Familie ins Saarland. Nach dem er fünf Wochen im Konzentrationslager Dachau eingesperrt war, emigrierte Schloß 1938 nach Shanghai. 1947 wurde er Professor für Komposition am "National Shanghai Consertvatory of Musik". 1948 ließ er sich in New Jersey nieder, wo er am 26. Oktober 1972 starb.
  7. Hans Erich Apostel ist am 22. Januar 1901 in Karlsruhe geboren. 1921 ließ er sich in Wien nieder und wurde Schüler von Arnold Schönberg. Von 1925 bis 1935 war er Schüler von Alban Berg. Er starb am 30. November 1972 in Wien.
  8. Das Exemplar der Fuge, das Berg von Herşcovici verehrt wurde, ist keine Handschrift sondern eine professionelle Kopie, die wahrscheinlich im Zusammenhang mit Aufführungsplänen in Auftrag gegeben wurde. Allerdings kam es bei keinem IGNM-Fest zur Uraufführung des Werkes sondern erst 1933 in Wien (s. Erläuterungen zu Brief XV an Berg).
  9. Nur ein Lied aus dieser Zeit ist erhalten: "Wie des Mondes Abbild zittert" nach einem Gedicht von Heinrich Heine. Ein Exemplar dieses Klavierliedes befindet sich im Nachlaß von Berg; es trägt das Datum "1-3 XII 1932".
  10. Das Exemplar der Fuge, das sich in Bergs Besitz befand, ist offenbar von einer Matrize kopiert. In Takt 2. ist unter der Bratschen-Stimme mit Bleistift hinzugefügt:

    Bei dieser von Ihnen zugefügter Bratschen-Stelle, sage ich Ihnen: "Herr Berg, ich will siegen."

    ...Um Sie bitten zu dürfen diese Noten zu behalten.

    Filip Herşcovici
  11. В печатном издании от этого слова проведена стрелка к обведённой ноте в примере. (СП)
  12. Später erinnerte sich Herschkowitz, seit 1934 bei Webern gelernt zu haben. Das Datum des Briefes legt nahe, daß der regelmäßige Unterricht bei Webern eher seit 1935 stattfand.
  13. Leopold Spinner wurde am 26. April 1906 in Lwow [Lemberg] geboren. Ungefähr um dieselbe Zeit wie Herşcovici entschloß er sich, nach dem Unterricht bei Pisk, zu Webern zu gehen. 1939 rettete sich Spinner nach London, wo er am 12. August 1980 starb.

    Webern deutete Spinner in einem Brief vom 4. Juli 1939 nach London an:

    Hersc. dürfte es nun wohl auch bald erreicht haben. —
    (Österreichische Nationalbibliothek)

    1939/40, als sich Herşcovici schon in Bukarest aufhielt, wechselten er und Spinner noch einige Briefe (in diesem Buch S. 126f). Nach seiner Übersiedlung in die Sowjetunion brach der Kontakt ab. Erst 1965 versuchte er, den Kontakt mit Spinner von Moskau aus wieder anzuknüpfen (vgl. Brief an H. E. Apostel, in diesem Band, S. 132). Es kam jedoch zu keiner Wiederaufnahme der Korrespondenz und zu keiner neuen Begegnung.

  14. Paul Amadeus Pisk, geboren am 16. Mai 1893 in Wien, war Schüler von Franz Schreker (1912-14) und Arnold Schönberg (1918-19). 1936 emigrierte er in die USA. Er starb am 12. Januar 1990 in Los Angeles.
  15. Josef Polnauer ist am 4. Juni 1888 in Wien geboren. Von 1909 bis 1911 war er Schüler von Schönberg, danach, für zwei Jahre, von Berg. Mit Schönberg, Berg und Webern verbanden ihn lebenslange Freundschaften. 1917-1923 war Polnauer Assistent von Schönberg im Seminar für Komposition an der Wiener Schwarzwald-Schule und leitete während dessen Abwesenheit die Kurse; er wirkte aktiv im Verein für musikalische Privataufführungen mit.

    Wie Eisler und Webern dirigierte Polnauer, der Sozialdemokrat war, Arbeiterchöre in Wien. Zuweilen vertrat er später auch Webern als Chorleiter.

    Polnauer erteilte jahrezehntelang privaten Kompositionsunterricht; zu seinen Schülern zählten Erwin Ratz und, nach dem II. Weltkrieg, Michael Gielen.

    Wie alle Opfer der nazistischen Rassebestimmungen lebte auch Polnauer seit 1938 unter Lebensgefahr in Österreich. Schönberg bemühte sich von Los Angeles aus vergeblich, ihm die Ausreise zu ermöglichen. Am 8. VH. 1939 schrieb er an Webern: "Ich würde so gerne für Polnauer etwas tun, aber gerade das ist so schwer. Für das, was er kann, ist hier gar kein Interesse" (vgl. den Katalog der Gedenkausstellung: Arnold Schönberg, Redaktion Emst Hilmar, Wien 1974, S. 66). Webern ließ sich durch den nazistischen Terror nicht zur Aufgabe seiner Freundschaft bewegen: "Seit dem Anschluß hatte es Webern zur Regel gemacht, Polnauer jeden Freitag zum Abendessen einzuladen. Sogar nachdem der gesellschaftliche Verkehr mit Juden verboten war, setzte er diese Gepflogenheit fort" (H. u. R. Moldenhauer. Anton von Webern. Cronik seines Lebens und Werkes. Zürich/Freiburg i. Br. 1980, S. 482). Mehr als einen Monat nach Kriegsbeginn, am 20. Oktober 1939, schrieb Webern an Willi Reich: "Außer Polnauer sehe ich niemand mehr" (Moldenhauer, S. 475).

    Polnauer schrieb an Herschkowitz nach Moskau in einem Brief vom 24. November 1966:

    Von mir zu schreiben - ja, da gäbs sehr viel! Aber ich muss mich mit ein paar Stichworten begnügen; der Reihe nach; Verlust der Wohnung; nach 1941 stündlich Warten auf die Deportierung; zweimal Aug in Aug mit den Schergen, von diesen wie durch ein Wunder übergangen. 1942 Untertauchen, bis Kriegsende als U-Boot bei meiner jetzigen Frau verborgen, von lieben Freunden (Ratz, Lizzi Berner etc. unterstützt). Ostern 1945 im letzten Augenblick noch in Gefahr bei einer Musterung der Hausbewohner endeckt zu werden — endlich die Erlösung durch den Einmarsch der Russen in unsere Gasse!

    Dann wieder Einstellung als Beamter, jedoch in wesentlich höherer Position mit viel Arbeit und grossen Entbehrungen. Seit 1954 im "Ruhestand", aber mit allerlei "Amterln" und "G’schafterln" zeitlich mehr in Anspruch genommen, als mir lieb ist. Seit 1945 habe ich in meiner Freizeit u. a. auch unterrichtet und schöne Erfolge gehabt. Jetzt bin ich Vor¬sitzender der Sektion Österreich der IGNM (nächstes Musikfest in Prag!!!; wo bereits wieder eine Sektion besteht). Dann aber, und das nimmt mich sehr in Anspruch, arbeite ich an der Herausgabe des Briefwechsels zw. Berg und Webern. Ich wollte das zuerst nicht übernehmen, sah mich aber aus sehr zwingenden Gründen dazu genötigt. Aber es lastet schwer auf mir, denn ich bin schliesslich nicht der Jüngste, im kommenden Jahr werde ich 79! Die Publikation des erwähnten Briefwechsels scheiterte am Einspruch von Helene Berg.

    Josef Polnauer starb am 5. Oktober 1969 in Wien.

  16. Emil Hertzka (3. August 1869 Budapest — 9. Mai 1932 Wien) übernahm 1907 die Leitung der Universal Edition.
  17. Ludwig Zenk war Schüler von Webern und Nationalsozialist. Seine Klaviersonate wurde von Eduard Steuermann uraufgeführt. Polnauer schrieb an Herschkowitz auf dessen Frage nach den Schicksalen ehemaliger Freunde (Brief vom 24. November 1966):
    Zenk, von dem Webern so viel gehalten hat, ist 1946 nach schwerer Krankheit gestorben. In seinen letzten Sachen ist er wieder zur Tonalität zurückgekehrt; politisch war er ein armer Narr: Nazi + Mahler und Schönberg!
  18. Четвертная пауза в нотном примере поставлена предположительно: в печатном издании значок нечёткий, а о какой песне идёт речь установить не удалось. (СП)