Beethovensche formale Bifunktionalität und Beethovensche Doppelform (Herschkowitz)

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Beethovensche formale Bifunktionalität und Beethovensche Doppelform
автор Филип Моисеевич Гершкович (1906—1989)
См. «О Музыке», книга 4. Источник: Philip Herschkowitz. über Musik. viertes Buch, Moskau, Wien, 1997, cc. 111.

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Beethovensche formale Bifunktionalität und Beethovensche Doppelform

Schon im ersten Satz seiner Klaviersonate Op. 2 № 3 hat Beethoven eine schöpferische Tat vollbracht, die der Entstehung einer neuen Dimension der Musik gleichzustellen ist —, womit er eigentlich seinem weiteren Schaffen die Richtung gegeben hat. Das Wort "Dimension" ist vom Wort "Geometrie" kaum zu trennen, und tatsächlich ist das eigentliche Wesen Beethovens nicht zu erfassen, wenn wir sein Werk anders als eine Geometrie betrachten, deren Zuhause aber nicht der Raum, sondern die Zeit ist.

Beethovens "Zeit" ist "räumlich". Eine Konzeption der "räumlichen Zeit" kann man von Goethe, dem Betrachter des Straßburger Münsters, ableiten: Wenn die Architektur erstarrte Musik ist, warum sollte nicht die Musik fließende Architektur sein? Erstarrte Musik ist erstarrte Zeit. Zeit, die in die Sprache des Steins übersetzt wurde. Ihr gegenüber ist die fließende Architektur eine Übersetzung des Raums in die Sprache der Töne.

Als "fließende Architektur" kann und muß die Musik aller großen Meister aufgefaßt werden. Das heißt aber noch lange nicht, daß sie "räumlich" ist und "räumlich" wirkt. Diese "Räumlichkeit", die von sehr vielen Werken Beethovens verkörpert ist, ist nur sehr wenigen Werken seiner Vorgänger eigen, und für seine Nachfolger (erst recht die ebenbürtigen) konnte sie nicht mehr als ein Ausgangspunkt neuer Pfade sein, die merkwürdigerweise eben damit, daß sie in musikalisches Neuland führten, die Wiederbildung der für die Epoche J. S. Bachs kennzeichnenden musikhistorischen Situation gezeitigt haben.

Die Komponenten der Tonkunst — Harmonie, Satz (Schreibart) und Form — entwickeln sich ungleichmäßig. Die Entwicklung der Form ist von der Entwicklung der Harmonie bedingt; der Harmonie und der Form nachhinkend, (einmal — der einen, das andere Mal — der anderen) entwickelt sich auch der Satz.

Aufschrift auf dem Umschlag des Heftes, in dem das Fragment sich befindet: "Von der Beethovenschen formalen Doppelfunktionalität zur Beethovenschen Doppelform".