An Josef Polnauer (Herschkowitz)

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An Josef Polnauer
автор Филип Моисеевич Гершкович (1906—1989)
См. «О Музыке», книга 4. Источник: Philip Herschkowitz. über Musik. viertes Buch, Moskau, Wien, 1997, cc. 133-138.
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An Josef Polnauer

I

Sehr geehrter Herr Doktor!

Ich danke Ihnen sehr für Ihren Brief. Ich habe ihn mit einer gewissen Beklommenheit erwartet, da ich Angst hatte, daß Ihnen mein Brief albern, sentimental und naiv Vorkommen könnte.

Was das "Palais Herşcovici" betrifft: ich werde nie den Ausblick auf den Kahlenberg vergessen, den man von der Anhöhe der Himmelstraße gewähren konnte. Der Sonnenschein und das Grün und die weiche Linie des Hügels boten eine allumfassende Mischung von Ernst und Witz, die eben so einzig und bedeutend dastand, wie das Bildnis der Gioconda. Diese Gioconda, auf der wir in der herrlichen Prosa des Sonnenscheins so oft geklettert haben, ist eben die Riesin, auf der Baudelaire in den ebenso herrlichen Versen seines berühmten Sonetts geklettert hat (ich glaube, daß ich es auch deutsch, in der Übersetzung von Stefan George, gelesen habe). Ihre Bürgschaft dafür, daß alldas nach wie vor vorhanden ist, ermöglicht mir die erneuerte Einbürgerung der Realität alldessen in mein Bewußsein. Somit ist es so, als ob ich es noch besäße.

Ich erinnere mich an einen Sonntagsmorgen, an welchem wir zu dritt (mit der Anuţa) einen kleinen Ausflug gemacht haben. Als ich von einer Anhöhe unser Haus in der Himmelsstraße in der Ferne bemerkte, sagte ich auf rumänisch: "Anuţa! Casa Noastră!" Worauf Sie sagten: "Es stellt sich heraus, daß rumänisch wirklich eine romanische Sprache ist".

An den Lier, den Heurigen, erinnere ich mich auch. Ich erinnere mich daran, wie wir bei ihm zusammen mit den Galimirs1 waren, und wie der Galimir[1] sich zu Tode lachte, weil der Zitherspieler den Straußwalzer

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im Schneckentempo spielte, wegen den Achtelnoten; wie der uns bedienende Mann (es war gegen 12 Uhr nachts) sagte: "der Wirt wird sich freuen, daß soviele Gäste heute abends da waren". Damit wollte er kenntlich machen, daß nicht er der Wirt war, und somit den Anspruch auf ein Trinkgeld haben konnte.

Aber genug von Wien. Sprechen wir von Ihnen, Herr Doktor.

Wenn ich sage "Wien", da meine ich "Webern". Und ich hoffe, daß es wird die Gelegenheit geben, die Sie, Herr Doktor, überzeugen können wird, daß Webern mich und mein Vermögen ebensogut wie ein guter Bauer eine nicht schlechte Erde bearbeitet hat.

Und in diesem Zusammenhang muß ich hinzufügen, daß ich entschieden nicht Recht hätte, wenn ich sagen täte, daß ich bei Berg nichts gelernt habe. Es handelt sich nur um einen großen Gegensatz: von Webern habe ich alles konkret lind unmittelbar bekommen; bei Berg aber bin ich ein passiver Zuschauer gewesen, was man eben auch gar nicht unterschätzen darf, wenn es sich um eine Persönlichkeit der Größe Bergs handelt. Bei Berg habe ich eine große Düngezeit mitgemacht; bei ihm bin ich als Musiker gedüngt geworden.

Somit wäre Wien für mich nicht nur Webern allein, sondern, dennoch, — Webern und Berg.

Die ganze Wahrheit ist aber folgende: für mich ist Wien — Webern, Berg und Polnauer gewesen.

Warum es so ist, ist sehr schwer zu sagen. Um aber anzufangen, werde ich zunächst feststellen, daß es allenfalls so ist, weil Sie: ein wunderbarer Musiker, ein wunderbarer Mensch, ein wunderbarer Wiener sind. Diese Ihre drei Eigenschaften sind nicht von einander zu trennen, und auf mich haben sie als ein Ganzes gewirkt.

Wenn Sie mir erzählt haben, daß Mahler, abends, während der Vorstellung, von den Musikern das Gegenteil davon verlangen konnte, was er morgens, während der Probe, verlangt hat, haben Sie mir die Fähigkeit verliehen Gustav Mahler zu sehen. Seitdem ich in Wien gewesen bin, habe ich die innerliche optische Erinnerung an Mahlers Dirigierkunst. Und das verdanke ich Ihnen.

Wenn Sie mir erzählten, daß Schönberg, während des Komponierens eines Liedes, bei einem gewissen Punkt angelangt, sich um den Text zu kümmern aufhörte, da gaben Sie mir die Möglichkeit Schönberg, den Mensch und Schöpfer, aus der nächsten Nähe zu sehen und zu empfinden. Somit gaben Sie mir damals zwar nicht die Möglichkeit das Rätsel der Kunstgestaltung zu enträtseln, aber die Möglichkeit dieses Rätsel von einer ändern, von mir nicht geahnten Seite wahrzunehmen, und somit der Enträtselung auf nicht unsicherem Boden näherzutreten.

Das sind zwei Beispiele. Nur zwei Beispiele. Das was ich hier über die Bedeutung schreibe, die ich Ihrer Wirkung auf mich zumesse, ist sehr eng. Dessen Empfindung und Vision ist viel breiter. Aber nur etwas sagen, ist besser als nichts sagen. Und ich sage es, nur weil es für mich ein Vergnügen ist, es zu sagen.

Heute hätte ich Ihnen viel mehr zu sagen, als vor dreißig Jahren. Ich meine — über Musik.

Ihr dankbarer
Herşcovici
15./VIII.67

Herschkowitz und Polnauer wechselten mehrere Briefe bis zum Tod Polnauers, in denen neben persönlichen Mitteilungen Fragen des Kompositionsunterrichts und der Musikentwicklung seit den 50er Jahren berührt wurden. Die gesamte Korrespondenz zwischen beiden konnte bis jetzt noch nicht zusammengetragen werden (s. auch Anmerkung 1 zu Brief XIX an Berg, in diesem Band S. 53). Diesem Brief war ein Brief Polnauers vom 9. Juli 1967 vorausgegangen, in dem er unter anderem schrieb:

Ja, und Ihre Rückerinnerung an Wien - - - wahrhaftig, das ist ja fast eine Meditation über den Ihnen vielleicht noch bekannten Schlager "Wien, Wien, nur Du allein - - -" Na ja, Wien ist aber tatsächlich noch vorhanden. Vieles freilich ist gründlich anders geworden; manches auch besser. Das "Palais Herscovici" in der Himmelstraße gibt es noch immer; nur war ich schon lange nicht in dieser Gegend. Erinnern Sie sich noch an den "Heurigen", den Lier; wohin wir am Abend, wenn wir, eine ganze Horde, bei Ihnen auf der Wiese uns gesonnt hatten, hingingen? Sie, Ihre Frau, Zenk und Frau, Dr. Spinner, die <?> Steiner; Ratz, Spira u. s. w. ? -

Über Erwin Ratz berichtete Polnauer im selben Brief:

Er hat auf Grund seiner Lehrzeit bei Schönberg und Webern jene Formenlehre herausgegeben, ein gutes Buch, dessen großer Wert vor allem darin liegt, daß es als bisher einziges, auf den Unterweisungen Schönberg (= Weberns) beruht und auch dessen Terminologie und Betrachtungsweise anwendet.

II

Sehr geehrter und lieber Herr Doktor!

Ich will Ihnen mein langes Schweigen erklären. Es handelt sich ungefähr um drei Gründe, von welchen ein jeder einfach ist, die zusammen aber ein recht kompliziertes Gebilde darstellen; — genug kompliziert, um eine monatelange und dicke Unfähigkeit einen Brief abzusenden zu verursachen.

Abzusenden. — Denn jedes Mal, als ich von Ihnen einen Brief bekommen hatte, antvortete ich sofort. Jedes Mal aber hatte ich diese sofortige Antwort vernichtet, und eine lange Zeit verstreichen lassen, um erst dann den absendungsfähigen Brief niederzuschreiben. Warum so? Weil ich Angst hatte, daß Sie meinen Brief als sentimental einschätzen, und somit geringschätzen werden. Ich habe alle Leittöne meiner Seele lebendig erhalten, und ich fürchte mich vor der Reaktion, die das Lachen (wenn auch nur innerliche Lachen) und die Geringschätzung bei mir hervorrufen könnten; jenes Lachen und jene Geringschätzung, die sich als Echo einstellen könnten, wenn einer dieser Leittöne ins Leere leiten würde. So ein Leitton bezieht sich auf die Vergangenheit; somit: teilweise auf Wien, somit: teilweise auf Sie. Es ist übrigens selbstverständlich, daß Sie für mich mehr zu bedeuten haben, als ich für Sie. Sie sind für mich ein wichtiges Wahrzeichen, — was ich für Sie keinesfalls sein kann.

Der zweite Grund: es fällt mir sehr schwer, und es ist sehr schwer, auf Ihre Frage, meine Tätigkeit betreffend, zu antworten. Und nicht weil ich etwas zu verbergen hätte. Nein, es handelt sich einfach nur darum, daß die Antwort nicht einfach ist. Ich kann sie nur in Raten geben. Die erste Rate: meine Tätigkeit bezieht sich, wie immer, ausschließlich auf die Musik.

Das dritte und wichtigste: Ihr letzter Brief hat eine Wirkung auf mich gehabt, die mit dem Wort "Erschütterung" sich nicht genau ausdrücken läßt. Noch einmal habe ich sofort geantwortet, um den Brief sofort zu vernichten. Der Gedanke daß Sie, Josef Polnauer, hinter das Tor eines Alterheimes verschwinden sollten, war eine Roheit, die mein Kopf nicht aufnehmen wollte, aber aufnehmen mußte. Das Ergebnis davon ist die unabweisbare Albernheit gewesen, lange und krampfartig daran zu denken, wie es Ihnen zu helfen wäre. Endlich erfuhr ich, daß an der Sachlage nicht Ihre materiellen Umstände Schuld sind, sondern andersartige Alltagsmomente, die im heutigen Wien kaum anders, als in der von Ihnen angekündigten Weise, zu lösen wären. Die Nachricht, daß das scheinbar Unabwendbare sich abwenden ließ, könnte mir einen glücklichen Augenblick verursachen.

Das ist der erste Teil eines Briefes, dessen zweiter Teil in wenigen Tagen folgt. Ich will mit Ihnen einiges, sehr wichtiges für mich, die Musik betreffend, besprechen.

Ich hoffe, daß Sie gesund sind, und bitte Sie meinen innigen Gruß entgegenzunehmen.

Ihr Herşcovici

Josef Polnauer hatte an Herschkowitz am 10. Dezember 1967 einen Brief geschrieben, in dem folgende Passagen standen:

Und nun Mozart: Ja, lieber Herscovici, der ist der Aristokrat unter der Meistern. Der macht, was er will und kann, was er will. Er hat das Größte in der Kunst ereicht: Das Komplizierte nicht nur auf die einfachste Weise zu sagen, sondern es nach außenhin geradezu zu verbergen. Er wußte das sehr gut und rühmte sich gelegentlich seinem Vater gegenüber in einem Briefe, daß er stolz darauf sei, dies erreicht zu haben. Sehen Sie sich doch einmal im d-moll Quartett I. Satz die paar Takte der Überleitung zum Seitensatz an. Die schauen zunächst fast nichtssagend aus — ganz konventionell. Aber wenn Sie näher hineinhören, werden Sie feinste Verbindungen zum Hauptgedanken erkennen. So etwas läßt sich allerdings nicht konstruieren; das ist eben — Einfall eines höchstorganisierten Musikhirns.

Ich habe Jahrzehnte hindurch unterrichtet; nach 1945 auch etliche vorgebildete Schüler. Ich habe es da so gehalten. Die Formelemente und die wichtigsten Formen selbst habe ich, wie dies auch Schönberg gehalten hat, an den Sonaten des jungen Beethoven erläutert. Dann habe ich die zahlreichen mehr oder minder weitgehenden Modifikationen bei Brahms demonstriert, wo man derlei am besten zeigen kann. Dann ging ich zum letzen Beethoven über und zu den Früh werken von Schönberg, Berg und Webern und ganz zuletzt erst nahm ich Mozart vor. Und ich würde es heute nicht anders machen -

Was treiben denn eigentlich Sie selbst? Sie haben mir darüber noch gar nicht geschrieben! Das müssen Sie also ausgiebig nachholen. Von mir habe ich nicht viel zu berichten. Um es kurz zu sagen: Altwerden ist keine Annehmlichkeit. Abgesehen von den physischen Beschwerden kommen noch die Sorgen um die bisherige Lebensführung dazu. Meine Frau und ich sind beide alte Leute, nicht mehr gesund. In ein Altersheim zu gehen, wehren wir uns beide. Für mich würde dies bedeuten, lebendig begraben zu sein. Aber wie lange werde ich mein Heim, meine Noten und Bücher behalten können? Einmal schon mußte ich alles preisgeben, nach 1938; jetzt droht mir ähnliches über kurz oder lang!

Und am 30. Oktober 1968 schrieb Polnauer schließlich an Herschkowitz:

Ich weiß nicht, ob ich Ihnen schon mitgeteilt habe, daß ich zu Ostern meine Frau verloren habe. Ich kann es bis heute nicht überwinden und trage schwer daran. Leider bin ich auch nicht gesund: Herz- und Kreislaufbeschwerden setzen mir arg zu. Ich bin jetzt in einem Altersheim, ganz nahe meiner Wohnung, wo ich schlafe und auch verpflegt werde. Ich bin da ganz freizügig und tagsüber für einige Stunden in meiner Wohnung. Auf die Dauer freilich wird das nicht gehen: Meine sehr schöne, große Wohnung ist im 2. Stock, ohne Lift! Das Treppensteigen strengt mich sehr an; ich werde es nicht lange aushalten. Und dann werde ich die Wohnung aufgeben müssen: Alles, Noten, Bücher, das Klavier u. s. w. verlieren, denn im Altersheim habe ich nur ein Zimmer! Ich werde ohne geistige Nahrung weiterleben müssen — wenn es überhaupt soweit kommt. Sie können sich wohl einigermaßen vorstellen, wie mir zumute ist... Von regelmäßiger Arbeit ist keine Rede mehr. Ich ordne meine Briefschaften; sie kommen, soweit sie von Belang sind, in die Bibliothek der Stadt Wien. Und dergleichen mehr...

Примечания

  1. s. Erläuterung zu Brief XV an Alban Berg, in diesem Band S. 46.