An Hanspeter Krellmann (Herschkowitz)

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An Hanspeter Krellmann
автор Филип Моисеевич Гершкович (1906—1989)
См. «О Музыке», книга 4. Источник: Philip Herschkowitz. über Musik. viertes Buch, Moskau, Wien, 1997, cc. 139-141.

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An Hanspeter Krellmann

Sehr geehrter Herr Doktor,

ich verdanke Webern den Inhalt meines Lebens: meine Beziehung zur Musik. Er hat mir die Bedeutung, die dem Begriff "Beethoven" zukommt, zugänglich gemacht. Von ihm, der mir verständlich gemacht hat, daß eine jede Musik von Beethoven ausgehend zu betrachten, und warum eine solche Betrachtung die einzig notwendige ist, habe ich also eigentlich erfahren, was Musik ist. Weil das Wissen um das Wesen der Musik und das Wissen um das Wesen dessen, was die großen Meister von Bach bis Schönberg miteinander verbindet, identisch sind.

Wenn es sein muß, bin ich bereit zu erkennen: der Einleitungsteil meines Briefes besitzt kaum die Eignung, von Angehörigen einer Generation ernst genommen zu werden, die herausgefunden hat, daß das Absägen des Astes, auf weichem man sitzt, das beste Schutzmittel gegen Hämorrhoiden darstellt. Ich kann aber nicht von Webern sprechen oder schreiben, ohne seine großen Verwandten zu erwähnen, deren enge Bekanntschaft er mir vermittelt hat, und welche — mindestens in einer Hinsicht — glücklicher als er gewesen sind: sie alle haben in Zeiten gelebt, in welchen sie unter keinen Umständen Gegenstand einer solchen Frage hätten sein können wie die, die Sie mir gestellt haben.

In einem Zeitraum von fünfeinhalb Jahren [von Februar 1934[1] bis September 1939 (!)] erteilte mir Webern dreimal im Monat Unterricht. Die "Stunden", die ich von ihm bekommen habe, haben sich immer mindestens auf zwei Stunden erstreckt.

Und ich habe diese Stunden unentgeltlich bekommen! Ich war arm. Eben so arm wie er. Wie Webern. Der mich unentgeltlich unterrichtete. Mich. Den Juden.

Dies ist, Herr Doktor, meine Antwort auf Ihre Frage.

Hierher gehört auch mein Bedauern bezüglich der Tatsache, daß Sie nicht mehr die Möglichkeit haben konnten, Dr. Josef Polnauer in Wien zu sprechen, der, hochbetagt, vor einigen Jahren gestorben ist. Dies muß ich sehr bedauern.

Eigentlich bin ich der Meinung, daß die Zeit für eine tiefschürfende Webern-Monografie, die als Vorbedingung eine jetzt noch nicht vorhandene, auf sein Schaffen sich beziehende theoretische Abhandlungen erfordert, noch nicht gekommen ist. Schwierigkeiten rein musikwissenschaftlicher Art können allzu leicht — wie immer, wenn ein Vakuum noch nicht erledigt wurde — zu einer Verschiebung des Schwerpunkts Ihrer Arbeit führen, zu einer Verschiebung also, die das Verfehlen Ihres im Auge gehaltenen Ziels hervorrufen kann.

Ich empfinde das Bedürfnis Ihnen mein letztes Zusammentreffen mit Webern zu schildern.

Wir kamen, ich und meine Frau, um uns vor unserer Abreise zu verabschieden. Webern, seine Frau und seine Töchter warteten auf uns in ihrem kleinen Garten. Einige Minuten nachdem wir angekommen waren, sagte er mir: "Lassen wir die Frauen hier, und gehen wir ins Haus; ich will Ihnen noch etwas sagen". Und das, was er mir "sagen" wollte, ist ein großer Vortrag über Mozart und Wagner, über die Beziehungen Ihrer Bühnenwerke zueinander gewesen. Sogar sein Abschied, wie Sie sehen, ist Musik gewesen. Er selbst war Musik.

Selbstverständlich kam er auch mit der Umwelt in Berührung. Aber eigentlich nicht anders, als ein Taucher mit denjenigen in Berührung kommt, die am Ufer bleiben. Das Ufer war nicht Weberns Element.

Was das Vorkriegs-Wien betrifft, bin ich vollkommen imstande Ihnen Auskunft zu geben. Es war das Skelett der Kaiserstadt, welches die Fähigkeit sich zu bewegen und sogar zu atmen beibehalten hat. Wer im damaligen Wien gelebt hat, hat eine lückenlose Vorstellung davon, was Surrealismus in Alltag umgesetzt bedeuten kann. Für Tausende und Abertausende war in dieser Stadt der Hunger zur Anti-Lebensbedingung geworden. Man lächelte öfter, als man aß; man versuchte aus dem als Rohstoff umfunktionierten Lächeln die fehlenden Vitamine und Kalorien zu gewinnen. Nach wie vor ging man in den Wienerwald. Aber man ging eben; zu Fuß. Der Straßenbahn-Fahrschein kostete 32 Groschen; eine solche Summe garantierte eine zweitägige Verpflegung.....

Webern hatte viele Kinder. Haben Sie seinen Brief an den Besitzer der Universal Edition Dr. Hertzka gelesen (zweites Heft der Zeitschrift "Die Reihe"), in welchem er "nur noch ein letztes Mal" um einen Vorschuß von 100 Schilling bat?

Hochachtungsvoll

Ihr Herschkowitz

Brief ist die Antwort auf eine Anfrage von Hanspeter Krellmann, Autor einer 1975 erschienen Monographie über Anton Webern. Krellman druckte nur kurze Fragmente dieses Briefes ab. Der vollständige deutsche Text wird hier zum ersten Mal publiziert, eine russische Übersetzung des Textes in I, 347f. Unser Abdruck folgt der Abschrift von Herschkowitz.

Примечания

  1. Vgl. Anmerkung 1 zu Brief XVIII an Berg, in diesem Band S. 50.