An George Perle (Herschkowitz)

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An Robert Merkin
автор Филип Моисеевич Гершкович (1906—1989)
См. «О Музыке», книга 4. Источник: Philip Herschkowitz. über Musik. viertes Buch, Moskau, Wien, 1997, cc. 147-159.

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An Robert Merkin

I

Sehr geehrter Herr Perle,

als ich Ihren Brief gelesen habe, ist es mir zumute gewesen, als ob ich Robinson Crusoe wäre, und zum ersten mal nach langen Jahren ein vorbeisegelndes Schiff sähe. Die Freude, die er mir bereitet hat, war hauptsächlich von der Tatsache bestimmt, daß ich ihn überhaupt bekommen habe (eine Abschrift dieses indirekten Briefes ist mir zugekommen, erst einige Monate nachdem Sie ihn abgesendet hatten). Monatelang hat mich nicht der Gedanke geplagt, daß ich höchstwahrscheinlich keine positive Antwort von Ihnen bekommen können werde, sondern das Gefühl, dennoch einen Fauxpas gemacht zu haben, indem ich mich um Hilfe an Sie gewendet habe. Nachdem ich meine Not in Briefpapier verpackt hatte, wurde sie für mich zur fremden Not. Ihre Antwort hat mich von diesem Gefühl befreit. Dafür — in aller ersten Reihe, — danke ich Ihnen vom ganzen Herzen.

In derselben Zeit, in der Ihre Antwort mir bekannt wurde, habe ich erfahren, daß unabhängig vom Alter eine vertragliche Anstellung an irgendeiner Universität in den USA zulässig ist. Dementsprechend habe ich sofort die notwendigen (mir zugänglichen, also kaum tatkräftigen) Schritte unternommen. Daß ich noch keine Antwort bekommen habe, ist im höchsten Grade normal. Ich kann, auch von dieser Seite, keine rasche Antwort erwarten.

Amerika wäre eine Lösung. Wenn Sie aber wüßten, wie sehr ich nach Amerika nicht will!.. Ich will zurück in die — Europa! Ungeachtet dessen, daß sie das geworden ist, was sie geworden ist... Ich werde selbstverständlich alles Mögliche tun, um einen Erfolg bezüglich Amerika zu erwirken. Und wenn er sich als unerwirkbar herausstellen sollte, da werde ich ebenso selbstverständlich wegfahren, alle weitere Versuche, ein gesichertes Ziel zu finden, aufgebend. Da aber Ihr Brief andeutet, daß Sie in Bezug auf mich etwas unternommen haben, kann ich nicht umhin Sie zu bitten, das Resultat Ihres Versuches mir mitzuteilen. Zu sagen, wie glücklich ich wäre zu erfahren, daß es nicht negativ war, ist überflüssig. Diese Worte sind aber die einzigen, mit welchen ich diesen Brief schließen kann.

Mit nochmaligem aufrichtigem Dank grüßt Sie hochachtungsvoll

Herschkowitz

Undatierte Briefentwurf. George Perle vermittelte die Publikation von Herschkowitz’ Aufsatz "Some Thoughts on 'Lulu'" in der Zeitschrift der International Alban Berg Society (Newsletter № 7, 1978, 11; auch abgedruckt in: HI, 195-197). Außerdem sandte Herschkowitz Partituren an Perle, der ermöglichte, daß Andre Emelianoff (Violoncello) und Michael Boroskin (Klavier) die Vier Stücke für Violoncello und Klavier aus dem Jahre 1968 in den USA uraufführten. Das Konzert fand am 18. Februar 1987 in New York statt.

Herschkowitz’ Verhältnis zu den USA wird auch durch folgenden Passus aus dem Brief an eine dorthin emigrierte Freundin deutlich, den wir hier übersetzt wiedergeben:

Es war sehr angenehm zur Kenntnis zu nehmen, daß ihr Brief an Lena nicht riecht. Nicht nach jener Gangster-Romantik riecht, deren sich das Athen des Mittelwestens so rühmt. Für mich war es sehr interessant, ihre Meinung über Amerika zu hören, die derjenigen widerspricht, welche die soeben von mir zuende gelesene Autobiographie des Filmregisseurs Jean Renoir, Sohn des Malers, atmet. Indem ich Ihre und seine entgegengesetzten Eindrücke kombiniere, kann ich mir klar machen, daß der Gegensatz zwischen Europa und Amerika sich in folgendem resümiert: in Europa gab es Bibliotheken und Museen um vieles früher als Klosettbecken. In Amerika war es umgekehrt. Es versteht sich von selbst, daß unter den Bedingungen einer solchen Entwicklungsrichtung sowohl die Qualität als auch die Quantität der amerikanischen Museen nur gewinnen konnte, um so mehr, als nicht nur Kunstwerke sondern auch ihre Betrachter importiert werden können.

II

Lieber und sehr geehrter Herr Perle,

es kommt mir nicht leicht über Ihre Musik zu sprechen, weil man mit wenigen Worten ihr nicht gerecht werden kann. Viele Worte kann ich aber aus dem einfachen Grund nicht gebrauchen, daß ich meinem Gehör, obwohl es sehr gut ist, nicht traue. Für mich klingt {wirklich klingt) das Musikwerk nur dann, wenn ich es sehe. Allenfalls klingt — im äußerlichen Sinne des Wortes — Ihre Musik wirklich sehr gut. Und dieses Gut-Klingen ist — das spürt man — die Emanation von Werken, welche einem Menschen gehören, dessen Beziehung — zur eigenen und fremden — Musik eine echte und reine ist. Wenn es nicht um Musik ginge, würde ich sagen, daß ich ein Pedant bin: Ich betrachte meine Meinung über ein Musikwerk als oberflächlich, wenn sie nicht das Ergebnis einer sehr eingehenden Beschäftigung mit den Noten ist. Eine Meinung über ein Werk zu haben, heißt für mich: es einordnen zu können. Ihre Orchestersuite (obwohl zwei Wochen vergangen sind, seitdem ich sie gehört habe, hat sich sehr gut in meinem Hör-Gedächtnis erhalten) erinnerte mich — nicht im negativen Sinne des Wortes — an Schönbergs "Erwartung". Das Quartett macht — mindestens äußerlich — den Eindruck eines (echten) kleinen Bruders der "Lyrischen Suite" und (noch mehr) — des zweiten (eben des zweiten) Quartetts Schönbergs. Das sind Eindrücke, deren Irrtumsfreiheit ich nicht garantieren kann. Auch ist die Ambivalenz-Gefahr, der solche Eindrücke ausgesetzt sind, schwer zu umgehen.

Einstweilen kann ich nur folgendes eindeutig sagen: Sie sind ein Musiker, der es mit der Musik ernst meint, und imstande ist, es mit der Musik ernst zu meinen. Mit diesen zwei Werken (die Lieder haben mich weniger angesprochen; vielleicht ist der Pianist schuld daran) kann sich das, was man hier im Komponistenverband hört, nicht vergleichen. Die Werke, die hier am laufenden Band erzeugt werden, — ob talentbezeugend oder nicht, ob gekannt oder nicht, ob "traditionell" oder "avantgardistisch" — gehören Komponisten, welche nicht die Fähigkeit besitzen, die Musik höher als alles andere — z. B. Geld — zu stellen. Es tut einem das Herz weh, wenn man zuschauen muß, mit welchem Enthusiasmus sich große Talente prostituieren. — Ihrer sonoren Laszivität haben es diese Leute zu verdanken, daß es ihnen gelungen ist die Musik durch ein synthetisches Zeug zu ersetzen, welches (bestenfalls!) nicht anders zur Musik, als Margarine zu Butter sich verhalten kann. Aber auch ihr Glück ist ein aus Abfällen synthetisch erzeugtes Glück... Und nicht nur ihr Glück, sondern auch ihr Lächeln und ihre Gedanken... (Was heißt "Gedanken"!.. Anstelle von Gedanken haben sie so etwas wie Unterhosen. Unterhosen für ihre Gefühle...)

Ich habe mich hinreißen lassen. Ich muß Sie also bitten, diese meine Meinung über die hiesige Komponisten-Fauna als Geheimnis zu betrachten.

Ihre Schallplatten habe ich vor fast 7 Wochen endlich bekommen. Mehr als ein Monat war vergangen, bis ich die (richtige) Möglichkeit gefunden habe sie zu hören; ich habe keinen (guten) Plattenspieler.

Ich möchte gerne einiges über Sie und Ihr Leben wissen. Welche ist Ihre verwandschaftliche Beziehung zu Barbara Phillips Perle? Das Frauenbildnis zeugt davon, daß sie eine sehr begabte Malerin gewesen ist. Wenn es für Sie nicht allzuschwer über sie zu sprechen ist, dann bitte ich Sie, es zu tun. Es ist überhaupt nicht pure, gleichgültige Neugierde, die mich veranlaßt diese Bitte an Sie zu richten.

Selbstverständlich würde mich im höchsten Maße interessieren, das, was die Schallplatten-Couverts über Sie mitteilten, in einer weniger lakonischen Fassung zur Kenntnis nehmen zu können. Schreiben Sie mir, bitte, auf folgende Adresse (ohne meinen Name auf den Briefumschlag anzubringen!).

[...]

(Diese Adresse haben Sie schon gehabt, aber mit einem anderen Adressaten, der jetzt nicht mehr da ist.)

Einen Brief über meine und meiner Frau Angelegenheiten werde ich Ihnen in allernächster Zeit schreiben. Wir beide senden Ihnen einen herzlichen Gruß

28./III.82 Herschkowitz

III

Lieber Herr Perle,

ich danke Ihnen für Ihren Brief, — besonders für die Worte, mit welchen Sie ihn geschlossen haben. Eine künftige Möglichkeit des unmittelbaren Kontakts mit Ihnen würde mich wirklich freuen. Ich bin überzeugt, daß wir uns vieles zu sagen hätten, was für uns beide von Wichtigkeit wäre. Vielleicht wird sich dieser Wunsch verwirklichen; Wunder geschehen jeden Tag.

Auch ich habe nicht die "opportunity" gehabt, mein Werk zu hören. Auch ich, folglich, kann mir schwer Recheschaft geben über seinen Wert. Ich kann zwar sehr gut Noten lesen, ich kann sehr gut den Klang der Noten, die ich lese, wahrnehmen. Dies aber kann sich nur auf fremde, — nicht auf eigene Noten beziehen. Schon viel zu viele Jahre sind meine seelischen Kräfte von den Werken der allergrößten Meister in jenem hohen Maße in Auspruch genommen, welches mir nicht erlaubt anders als in Ausnahmsfällen Musik zu schreiben. Diesen "Ausnahmsfall" hat das Gedicht Lorcas zustandegebracht. Es hat auf mich einen großen Eindruck gemacht, und lange habe ich suchen und zögern müßen, bis ich mich entschließen konnte, ihm das wunderbare Sonett Rilkes an die Seite zu stellen. Beide Übersetzungen ins Russische sind außerordentlich schön. Ich kann nicht sagen, daß eine Aufführung in Amerika dieser kleinen Suite mir ungelegen käme. (Es wäre das zweite Mal, daß man mich in Amerika auffuhrt.) Aber die Sprache! Wo nimmt man in Ihrem Lande die (ausserordentliche noch dazu) Sängerin, deren Stimme man einen rassischen Text aufzwingen könnte?..

Sie schreiben mir: "Don’t worry". Es ist mir schwer zu entscheiden, was besser ist: Sich quälen? Oder sich nicht zu quälen? Sich quälen, — ist selbstverständlich nicht gut. Aber sich nicht zu quälen — heißt, mit der Unmöglichkeit frei zu werden sich abzufinden! Also ist es besser: sich zu quälen...

Sie fragen mich, ob eine Einladung um Vorträge zu halten, seitens einer amerikanischen Universität, mich nach wie vor interessiert. Eigentlich fragen Sie mich nicht, sondern Sie nehmen an (I presume...). Selbstverständlich würde mich eine solche Einladung interessieren. Die "Präsumption" aber, daß diese mir helfen könnte, wieder ein freier Mensch zu sein, ist so verschwindend klein geworden, daß ich mich um einen Optimismus besserer Qualität umschauen muß, als es derjenige war, der mich vor mehr als einem Jahr veranlaßte, mich an Sie mit einer solchen Bitte zu wenden. Ach, Herr Perle! Ich danke Ihnen wirklich gerührt und vom ganzen Herzen für Ihre echte Hilfsbereitschaft. Was können Sie aber tun, wenn heutzutage das Schicksal eines Musikers von den Weltgeschehnissen des allergrößten Maßstabs nicht zu trennen sind? —

Ich habe nicht vergessen, daß ich Ihnen von einem Aufsatz geschrieben habe, den ich Ihnen "im Herbst" absenden wollte. Dieser Aufsatz ist lange noch nicht fertig. Es scheint aber, daß er mir gut gelingen wird.

Den Dr. Tarakanov habe ich seit einigen Jahren nicht gesehen. Sein Buch habe ich nicht gelesen. Soll ich ihn veranlassen, daß er es Ihnen schickt?

Ich danke Ihnen für den Vorschlag, mir Ihr Buch über "Wozzeck" zu schicken. Bitte senden Sie es auf meine Adresse (ohne Brief!) ab.

Einen Brief können Sie mir noch auf die Wiener Adresse schreiben, wenn Sie ihn nicht später als den 4 Dezember absenden. Meine Frau und ich grüßen Sie vom ganzen Herzen.

Ihr Herschkowitz

9./XI.82

IV

Lieber Herr Perle,

die vielen Bedeutungen, welche das englische Wort "failure" hat, erschweren mir mit ihrer Menge genau herauszufinden, in welchem Sinne Sie dieses Wort in bezug auf das Schaffen Schönbergs gebrauchen. Da aber alle Bedeutungen dieses Wortes negativ sind, ist es nicht unbedingt notwendig sie auseinander zu halten. Ich kann nicht anders als Ihnen sagen, daß die Wertung, die Schönberg bei Ihnen gefunden, mich sehr betrübt hat.

Ich habe sehr triftige Gründe, Schönberg (den ganzen Schönberg) als einen der allergrößten Meister der Musikgeschichte zu betrachten. Ihm kann eine abschlägige Wertung ebensowenig schaden, wie seinerzeit ähnliche Wertungen Beethoven oder Wagner geschadet haben. Dennoch bringt eine Haltung wie diejenige, die Sie Schönberg gegenüber zu Tage treten lassen, einen großen Schaden mit sich. Diese Haltung schadet Ihnen! Ihrer Beziehung zur Musik als Ganzes! Dies hat mich betrübt. Die außerordentlich große Sympathie, die ich Ihnen vom ganzen Herzen entgegenbringe, erlaubt mir und fordert von mir, daß ich es Ihnen sage... Glauben Sie mir (einstweilen nur aufs Wort), daß genauso wie die Zwölfton-Reihe, welche in "Moses und Aaron" verwendet wird, eine Personifizierung des Unsichtbaren Gottes darstellt, ist der erste Satz des Violinkonzerts eine (in ihrer Inspiration faszinierende) Neuerschaffung der großen Tonalen Welt der XVIII. und XIX. Jahrhunderte, — der großen Welt Bachs, Mozarts und Beethovens. Derjenige, der

(1) als tonaler Komponist seine Laufbahn begonnen hat, und

(2) den Begriff "vagierender Akkord" geschaffen hat,

hat (3) mit seinem Zwölftonsystem (aber nur so wie er dieses System verwendet hat!) eine neue genetische Substanzialität für das tonale System zustandegebracht.

Ich beende den eigentlichen Teil meines Briefes mit den Worten, mit welchen ich ihn eigentlich hätte beginnen sollen: Glauben Sie mir, lieber Herr Perle, das Alban Berg ebensowenig wie ich mit Ihrer Wertung einverstanden gewesen wäre. Seine Augen leuchteten, wenn er das Wort "Schönberg" aussprach, und sein Gesicht zeigte eine schlecht verborgene Verachtung, wenn man in seiner Gegenwart irgendeinen Komponisten mit Schönberg verglich. Ich glaube nicht, daß ich übertreibe, wenn ich sage: Berg und Webern waren auf die Werke Schönbergs noch mehr stolz als sie auf die eigenen Werke stolz waren. Ihr größter Stolz (... und Glück) war, daß sie mit Schönberg kommunizierten, — daß sie fähig waren seine ganze Größe zu begreifen.

Bitte, lieber Herr Perle, verstehen Sie diesen meinen Brief, — ich sage es noch einmal — als Ausdruck der großen Sympathie, die Sie mir eingeflößt haben.

Sowohl Ihr "Wozzeck"-Buch als auch die Schallplatte werde ich mit großer Dankbarkeit entgegennehmen. Auf die Hefte der Alban-Berg-Society bin ich sehr begierig.

Bitte, schreiben Sie mir nie mehr anders, als in gewöhnlichen Briefumschlägen! Aerogramme darf ich nicht empfangen! Senden Sie Ihre weitere Briefe auf diesselbe Adresse.

Beste Grüße von meiner Frau und

Ihrem Herschkowitz

1./VII. 83

V

Lieber Herr Perle,

Ihr vorletzter Brief war nicht verloren gegangen. Ich hatte Ihnen einfach nicht geantwortet. Aus zwei Gründen, welche sehr schwer darzulegen sind. Der erste Grund ist auf meine seelische Verfassung bezogen. Die Probleme, die mich schon seit sechs Jahren in Anspruch nehmen, und von mir einen ungeheuren Aufwand von Geduld (und nicht nur von Geduld) verlangen, haben mir die Fähigkeit geraubt, komplizierte Briefe zu schreiben. Und der Brief (der eigentliche Brief), den ich Ihnen schon mehr als zwei Jahre schulde, — das ist der zweite Grund, — ist wirklich nicht leicht zu schreiben, wobei er aber sehr notwendig ist, eben weil ich sehr wünsche, gute und herzliche Beziehungen mit Ihnen zu haben.

Ich schätze Sie sehr sowohl als Mensch als auch als Musiker, kann aber mit Ihnen in einer sehr wichtigen Angelegenheit nicht einverstanden sein.

Ich habe mir nicht vorstellen können, daß man Alban Berg außerhalb der Verehrung zu Schönberg verehren kann. Außerhalb jener Verehrung zu Schönberg, die ich sowohl von Berg als auch von Webern als Grundlage meiner musikalischen Weltanschauung bekommen habe. Es hat mich sehr verwundert, als Sie den Wert Bergs mit dem Erfolg, den er genießt, gemessen haben. Der Erfolg beruht immer auf einem Mißverständnis. Der Erfolg, sogar der Allergrößten, ist ein Mißverständnis. Nur das seltene Isotop des Elements, welches "Musikhörer" heißt, kann den Musikkuchen essen; die Anderen klauben die Rosinen aus dem Kuchen heraus, und glauben daraufhin, daß sie Musikkenner sind. Dies ist — im besten Falle! — der "Erfolg" der grossen Meister!..

Berg ist für mich ein sehr großes Erlebnis gewesen. Und auf dieses Erlebnis — infolge eben der Initiative Bergs! — hat ein anderes, ebenso großes Erlebnis gefolgt: Webern. Webern hat mir die Fähigkeit (die konkrete Fähigkeit!) gegeben, Beethoven wahrzunehmen, und dem zufolge, eine einheitliche Auffassung der Musikgeschichte zu bekommen. Unter der Leitung Weberns hat mich Beethoven zu Bach und Wagner, und alle diese drei zusammen zu Schönberg (und selbstverständlich, zu seinen zwei Schülern) geführt. Nochmals: konkret geführt! Außer diesen genannten Meistern zu denen ich Mozart und Mahler hinzufügen kann und muß, interessiert mich, in der Musikgeschichte, nichts. Überhaupt nichts.

Wir leben in einer Zeit, in welcher religiöse Menschen gegenseitig sich als solche schützen sollen, auch wenn sie nicht einer und derselben Religion gehören. Das aber kann nicht und soll nicht die Grenze zwischen ihren Religionen verwischen. Vielmehr gehört eine klare Grenzziehung zur Basis einer echten gegenseitigen Achtung. Bei echten Musikern ist es erst recht notwendig.

Ich achte Sie sehr, Herr Perle, schon deswegen, daß Sie imstande sind (fachgemäß) sich Rechenschaft darin zu geben, daß die "Musik", die heute gemacht wird, eine Schande für die Musik ist.

Ihre Briefe sind für mich ein wichtiges Ereignis. Schreiben Sie mir, bitte! Häufiger!

Wenn Sie mir ein Buch schicken wollen, dann bitte ich Sie es ausschließlich per Post und auf meine Adresse zuschicken. Briefe — nur Briefe! — bitte ich Sie mir (nur!) auf die Adresse zukommen zu lassen, auf die Sie mir den letzten Brief geschrieben haben.

Alle Hefte der Berg-Society sind mir abhanden gekommen. Lassen Sie mich, bitte, wissen, ob es die Möglichkeit gibt, diese zu ersetzen. Im positiven Falle werde ich Ihnen schreiben, auf welchem Weg dies gemacht werden muß.

Einen herzlichen Gruß von meiner Frau und

Ihrem Herschkowitz

21./IV.85

VI

Lieber Herr Perle,

ich empfinde das Bedürfnis Ihnen folgendes zu schreiben.

Ich habe hier keine Freunde und keine Feinde. Dies bezieht sich in aller ersten Reihe, selbstverständlich, auf die Musik. Ich lebe in grösser Abgesondertheit. Ich will niemanden daran beschuldigen; mich, — ebenfalls nicht. Ich empfinde es, übrigens, überhaupt nicht als Unglück.

Es ist leicht zu verstehen, daß unter diesen Umständen meinem Briefwechsel mit Ihnen eine große Bedeutung für mich zukommt. Ich muß dies betonen, weil einiges vom Inhalt der Briefe, die ich Ihnen in der letzten Zeit geschrieben habe, — es ist mir bewußt, — als Schroffheit aufgefaßt werden kann. Es würde mich freuen, wenn Sie folgende paradoxale Tatsache verstehen können: Diese Schroffheit ist eine Nebenerscheinung meiner Versuche gewesen, unsere Beziehungen inhaltsvoller zu gestalten. Ich bitte Sie, lieber Herr Perle, dies zur Kenntnis zu nehmen, und eben in diesem Zusammenhang wahrzunehmen, wie sehr es mir gelegen ist meine Freundschaft mit Ihnen (ich glaube, daß ich es "Freundschaft" nennen darf), — von der Ferne her — aufrecht zu erhalten.

Ihr Herschkowitz

26./V.85

VII

Lieber Herr Perle,

es freut mich sehr, daß ich in voller Aufrichtigkeit Ihnen schreiben kann, daß Ihr Concertino und Ihre Serenade № 3 mir außerordentlich gefallen haben. Es ist ein Grund zur Freude wenn man sich überzeugen kann, daß auch heute noch Musik geschrieben wird, welche "Musik" genannt werden darf. Diese Ihre zwei Werke haben mir eben wirklich gefallen. Auch ist es eine große und angenehme Überraschung für mich gewesen, mir an Hand Ihrer Schallplatte Rechenschaft geben zu können, wie hoch die Musikaufführungs-Kultur und die Technik der Schallplatten-Aufnahme, welche Ihnen zur Verfügung stehen, sind.

Wir hätten, Herr Perle, uns vieles gegenseitig zu sagen; ein Brief ist nur ein Brief... Ich wäre sehr begierig einiges aus Ihrer Biographie zu wissen. Woher Sie stammen, wer Ihre Eltern waren, wer Ihre Lehrer waren... Und vieles anderes würde mich sehr interessieren. Schreiben Sie mir, bitte, auf demselben Weg, auf welchem Sie diesen Brief bekommen werden. Meine Frau und ich grüßen Sie.

12./VIII.85 Ihr Herschkowitz

VIII

Lieber Freund,

den Brief, den Sie mir im Oktober geschrieben haben, habe ich mit großer Verspätung bekommen. Ich antwortete auf diesen Brief ziemlich rasch, und seit damals, — ein halbes Jahr ist seit damals vergangen, — warte ich auf ein paar Zeilen von Ihnen.

Welcher ist der Grund Ihres Schweigens? Ist ein Brief von Ihnen verloren gegangen? Oder ging sogar mein Brief verloren, der die Antwort auf Ihren Oktober-Brief gewesen ist?

Oder waren Sie krank?..

Ob meine Stücke für Cello und Klavier am 8./II. aufgeführt wurden, würde mich selbstverständlich interessieren. Ich habe eben jetzt die Umarbeitung des Werkes, welches Sie im Sommer aufführen wollen, zu Ende geführt, und schicke es Ihnen jetzt durch Herrn Ernst Aichinger, meinen Freund, der künftighin in New York wohnhaft und tätig sein wird.

Ohne Änderungen ist in diesem Werk sein zweiter Teil geblieben. Die eigentliche Umarbeitung bezieht sich auf seinen dritten Teil, wobei an Stelle der instrumentalen Einleitung ein erster Teil, auf einen Text von Paul Celan, hinzugekommen ist.

Der Text Lorcas, auf welchen der zweite Teil geschrieben ist, wurde bis jetzt noch nicht in die deutsche Sprache übersetzt. Auf deutsch würde er "Baum der Lieder" heißen. Der Umstand, daß in diesen drei Gesängen die deutsche mit der russischen Sprache Hand in Hand geht, ist als Bild meines Daseins zu betrachten obwohl ich die (wunderbare) russische Übersetzung gern mit einer deutschen ersetzt hätte[1].

Die Stimmen sind nicht korrigiert! Deren Verfertigung konnte erst unmittelbar vor der Abreise des Herrn Aichinger zustande kommen.

Mit der Hoffnung, daß das große "fooiing" zwischen uns nun zu Ende gegangen ist, erwarte ich einen Brief von Ihnen. Ich möchte wissen, wie es Ihnen geht, woran Sie arbeiten.

Einen herzlichen Gruß von uns beiden

Herschkowitz

P. S. Im letzten Augenblick habe ich zur Kenntnis nehmen müssen, daß in der Singstimme der Text vom Kopisten nicht eingetragen wurde. In bezug auf den russischen Text hat mir Herr Aichinger seine Hilfe versprochen.

H.

[Mai 1987]

IX

Lieber Freund,

ich habe die große Freude Ihnen mitteilen zu können, daß ich und meine Frau endlich die Erlaubnis Wien zu besuchen bekommen haben. Es handelt sich um einen sechsmonatigen Aufenthalt, den wir nicht später als den 10. März 1988 antreten dürfen. Ich nehme an, daß die Erledigung der mit der Reise verbundenen Angelegenheiten uns gegen Mitte Dezember die Möglichkeit geben wird abzureisen.

Seit Anfang des Jahres hat diese Sache den größten Teil meiner Zeit in Anspruch genommen. Deswegen bin ich nicht einmal imstande gewesen, Ihnen einen richtigen Brief zu schreiben. Bitte, nehmen Sie es mir nicht übel! Es war sehr aufreibend . . . Jetzt bin ich auf eine neue Art außerordentlich beschäftigt: die vielen Angelegenheiten, welche einen Zusammenhang zur bevorstehenden Reise haben, müssen in Ordnung gebracht werden.

Was es die "Lulu" betrifft, muß ich folgendes sagen.

Ob der Komponist Cerha die Vervollständigung der Oper Bergs gut oder schlecht gemacht hat, kann ich nicht wissen. Aber auch ohne seine Arbeit zu kennen, glaube ich nicht, wie gut sie auch wäre, daß sie damit, was Berg gemacht hätte, identifiziert werden kann. Sie kann eine bessere oder schlechtere Prothese sein, aber <?> nur <?>, — nur eine Prothese. Worauf sich die Fragestellt: würden wir vorziehen im Pariser Louvre die Venus von Milo mit zwei Prothesen, oder ohne Hände zu sehen? Für den Komponisten ist es einer echte Heldentat, seine Psyche als sein Jagdrevier betrachtend, in ihr das Wild zu erlegen, welches "Opus" heißt. Auf die Jagd, aber, in einer anderen als der eigenen Seele zu gehen — auch wenn man ein Particell zur Verfügung hat, — ist aussichtslos; das Ergehens (wie hoch die Ebene auch wäre, auf welcher dieses erreicht wurde) kann nichts mehr als ein ausgestopftes Fell sein. Ich ziehe vor mir vorzustellen, daß Berg, in der Unendlichkeit des zeitlosen Seins, ein nicht ausgesprochenes Wort zu sagen hat.

Schönberg soll die ihm angebotene Arbeit aus dem einfachen Grund abgelehnt haben, weil seine Instrumentations-Technik eine andere als diejenige Bergs war. [Die Instrumente in Bergs Orchester springen sehr oft von einer Stimme zu einer anderen über. D. h., zwei reale Stimmen (des Particells!) können — zum Beispiel — die Instrumente, von welchen sie getragen sind, untereinander wechseln.]

Übrigens habe ich nicht über Wiener Angelegenheiten zu sprechen, bevor ich Wien noch nicht wiedergesehen habe . . .

In Ihren Klavierstücken läßt sich eine recht seltene und sonderbare Beziehung, nicht zur Musik, sondern zu sich selbst als schaffendem Künstler wahrnehmen. Alle (fast alle) diese Klavierstücke enthalten einen musikalischen Gedanken, der die ganze Aufmerksamkeit des Hörers auf sich zieht, der aber sehr bald sich in ein Rätsel verwandelt. Man bekommt den Eindruck, daß dieser Gedanke sich nicht in seiner Gänze preisgeben will! Vielmehr daß er sich nicht auf dem Platz, welcher ihm gebührt, befindet! Ich irre mich eher nicht, wenn ich galube, daß es sich um Gedanken handelt, die den Drang haben in einer Oper zu Hause zu sein (wo allein sie aufblühen könnten), denen aber der Weg auf die Opernbühne von Ihrer alles verzehrenden Liebe zu Alban Berg verboten bleibt. Mit dieser Liebe, die Sie sehr ehrt, haben Sie auf sich selbst verzichtet . . Der Mensch weiß immer sehr wenig über sich selbst . . . Vielleicht sind Sie wirklich ein Opernkomponist!.. Aber die Liebe zu dem, der in seiner Musik die Zwölftonreihe zum Schatten der menschlichen Seele ungeformt hat, hat Sie vollständig in Besitz genommen. Es ist eher schön, aber es ist nicht gut, viel zu bescheiden zu sein. Die Kunst verlangt Kühnheit.

Sogleich wir in Wien sein werden, werde ich Ihnen schreiben. Es würde mich freuen, noch hier, in Moskau, ein paar Worte von Ihnen zu bekommen (ich werde hier noch fast zwei Monate sein). Die Adresse: [...] ist nach wie vor gültig.

Wir beide senden Ihrer Frau und Ihnen einen herzlichen Gruß

Ihr Herschkowitz

2./XI.87

Es handelt sich bei den hier vorgelegten Briefen von Herschkowitz an Perle um eine Auswahl. Diese, ausgenommen der erste, befinden sich in New York Public Library for the Performing Arts.

Примечания

  1. Es handelt sich um eine frühe Fassung der Drei Gesänge mit Begleitung eines Kammer-Ensembles.